Stehsatz

»Stehsatz« ist ein Fachausdruck aus dem gewerbespezifischen Sprachschatz des dspr. polygrafischen Gewerbes (Druckwesen) aus der Periode des materiellen Schriftsatzes mit physischen Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung), Holz (z.B. aus Birnenholz) oder Kunststoff (z.B. aus Kunstharz) für eine für den Auflagendruck ausgeschossene Druckform, die nicht aufgelöst und nicht abgelegt wird, um damit weitere Auflagen (z.B. Nachdrucke von Büchern, Geschäftspapieren, Anzeigen oder Plakaten) bzw. bei Zeitungen zurückgestellte Beiträge zu drucken; stehender Satz.

Um ein Auseinanderfallen von Stehsatz zu verhindern, werden nach dem Auflagendruck Kolumnen bzw. ausgeschossener Satz i.d.R. mit einer Kolumnenschnur bzw. einem Satzschließer zu einem Gebinde zusammengebunden und auf Satzbrettern in (meist) hölzernen Stehsatzregalen gestapelt und eingelagert. Zum Transportieren wird dafür i.d.R. eine sog. Porte-page verwendet, eine ca. 5 mm starker Graupappe.

Stehsatz (Bleisatz) einer Empfehlungskarte. Foto: Wolfgang Beinert, Berlin.
Stehsatz (Bleisatz) einer Empfehlungskarte. Foto: Wolfgang Beinert, Berlin.

Stehsatz kann im Hochdruck so lange verwendet werden, bis die Lettern abgenutzt sind und umgeschmolzen werden müssen. Stehsatz verursacht für eine Offizin bzw. Druckerei neben höheren Lagerkosten auch mehr Typenmaterial. Im Werksatz kann Stehsatz mehrere Tonnen wiegen.

Vermutlich stammt das Konzept des Stehsatzes aus den Niederlanden des späten 17. Jahrhunderts. In Deutschland übernahm der brandenburgische Hofbeamte Freiherr Carl Hildebrand von Canstein (1667-1719) in Zusammenarbeit mit dem evangelischen Theologen August Hermann Francke (1663–1727) diese kostensparende Idee für die Produktion von preiswerten Bibeln, die in der von Ihnen 1710 gegründeten Cansteinsche Bibelanstalt in Halle (seit 1947 Sachsen-Anhalt), in – für damalige Verhältnisse – sehr hohen Auflagen produziert wurden.

Im materiellen Zeitungssatz wurden Beiträge als Stehsatz bezeichnet, die für nachfolgende Ausgaben zurückge­stellt oder vorbereitet und in der Mettage (s.a. Metteur en pages) aufbewahrt wurden. Daher rührt auch die noch heute im Journalistenjargon verwendete Bezeichnung Stehsatz für vorproduzierte Texte oder Seiten. Im musikalischen Notensatz (Notengrafik) werden Notenschlüssel und Tonartvorzeichnung als Stehsatz bezeichnet.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de