Capitalis Monumentalis

Lateinische, in Stein gemeißelte Schrift; Lapidarschrift; Schrift der Römer. Die Capitalis Monumentalis ist eine Adaption des eteokretisch griechischen Alphabets, welches um 600 v. Chr. aus dem multikulturellen Kreta über die Etrusker – »dem Volk der Bücher« – zu den Latinern, ins heutige Mittel- und Nordwestitalien kam, deren römische Nachkommen daraus die lateinische Schrift entwickelten.

Die Epigraphik nennt diese lateinische Schrift »Capitalis monumentalis«. Etymologisch aus lat. »capitalis« für »Haupt, Kopf« aus »den Kopf, das Leben betreffend; in seiner Art vorzüglich« und »monumentalis« für »monumental, sehr groß«.

Die Capitalis Monumentalis ist eine römische Majuskelschrift, also eine Schrift, die nur aus Majuskeln besteht. Ihre Typometrie orientiert sich deutlich an Quadrat, Kreis und Dreieck.

Die Inschriften in Naturwerkstein wurden vor der Einmeißelung von Steinbildhauern bzw. Steinmetzen vermutlich mit einem Flachpinsel im Zweiliniensystem vorgeschrieben, um die Fernwirkung, das Spiel von Licht und Schatten oder spätere Auffüllungen mit Farbpigmenten (siehe Serifen) zu beurteilen bzw. für einen Auftraggeber zu simulieren. Daraufhin wurden die Konturen der Schriftzeichen im Sinne einer stereotypen Letternarchitektur für die Meißelführung – möglicherweise mit einem eingefärbten Griffel – konkretisiert bzw. eingeritzt und schlussendlich eingemeißelt. Typisch für die römische Capitalis Monumentalis, die als das Vorbild aller Antiquaschriften gilt, sind die Serifen.

Die Typometrie der römischen Majuskeln im Zweiliniensystem bestehen aus Geraden und Rundungen, bzw. den Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Beispiel gesetzt aus der Trajan von Linotype. Infografik: www.typolexikon.de
Die Typometrie der römischen Majuskeln im Zweiliniensystem bestehen aus Geraden und Rundungen, bzw. den Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Beispiel gesetzt aus der Trajan von Linotype.

Das älteste Zeugnis für die Schrift der Römer ist eine Epigraphik auf einer zylindrischer Tuffstein-Stele, dem Cippus der Sakralstätte »Lapis Niger« auf dem Forum Romanum im Bereich des Comitium in Rom, die vermutlich aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert stammt; ihre lateinischsprachige Inschrift ergibt, mit Ausnahme des Buchstabens B, ein vollständiges Alphabet, das formal noch genau dem westgriechischen Typus der schon von Herodot als »grammata phoinikeia« bezeichneten altsemitischen Urbuchstaben entspricht. In der Folge entstand daraus das klassische römische Alphabet mit seinen 21 modifizierten, nunmehr lateinischen Buchstaben, das im ersten vorchristlichen Jahrhundert durch die griechischen Originalzeichen Ypsilon und Zeta auf 23 Buchstaben vervollständigt wurde. 1)

Teile der Tuffstein-Stele der Sakralstätte »Lapis Niger« auf dem Forum Romanum im Bereich des Comitium in Rom. Der Epigraph auf dem Cippus des Altars gilt als das älteste Zeugnis einer römischen »Scriptura capitalis«, dem Archetyp der Capitalis Monumentalis. Foto: Reproduktion der Stele, die am 10. Januar 1899 bei Ausgrabungen von Giacomo Boni (1859–1925) entdeckt wurde.
Teile der Tuffstein-Stele der Sakralstätte »Lapis Niger« auf dem Forum Romanum im Bereich des Comitium in Rom. Der Epigraph auf dem Cippus des Altars gilt als das älteste Zeugnis einer römischen »Scriptura capitalis«, dem Archetyp der Capitalis Monumentalis. Foto: Reproduktion der Stele, die am 10. Januar 1899 bei Ausgrabungen von Giacomo Boni (1859–1925) entdeckt wurde.

In der Paläografie wird die römische Schrift generell als »Scriptura capitalis« bezeichnet. Zu dieser Zeit ist auch bereits die Darstellung von Zahlen mit sieben Majuskeln aus dem Alphabet der Scriptura Capitalis ausgereift; ein additives Zahlenzeichensystem, welches wir heute auch als »Römische Zahlen« bezeichnen.

Das berühmteste Beispiel für die Capitalis Monumentalis ist die Inschrift auf dem Sockel der »Columna Traiana«, der »Trajanssäule«, die im Frühjahr 113 von Apollodoros nach den persönlichen Anweisungen des römischen Kaisers auf dem Trajansforum in Rom fertiggestellt wurde. Dieses »Trajanische Alphabet« gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst. 2) 3) 4) 5)

Das Trajanische Alphabet gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst. Es handelt sich hierbei um eine eingemeißelte Capitalis Monumentalis auf einer Marmortafel, die sich auf dem würfelförmigen Sockel der »Columna Traiana«, der »Trajanssäule« in Rom befindet. Infografik: www.typolexikon.de
Das Trajanische Alphabet gilt als das schönste Beispiel römischer Schriftkunst. Es handelt sich hierbei um eine eingemeißelte Capitalis Monumentalis auf einer Marmortafel, die sich auf dem würfelförmigen Sockel der »Columna Traiana«, der »Trajanssäule« in Rom befindet.

Aus der in Stein gemeißelten Capitalis Monumentalis entwickelten sich zwei handschriftliche Schriftvarianten: Die »Capitalis quadrata« (Römische Quadratschrift) für Pergamenthandschriften und die »Capitalis rustica« als eine Schnellschreibvariante davon. Die Capitalis Quadrata und die Capitalis Rustica gelten als die klassischen Buchschriften der Römer. Als Verkehrsschrift benutzten sie eine »Cursiva«, die mit einem Griffel in Wachstafeln oder mit einer sehr schmalen Rohrfeder auf Papyrus geschrieben wurde.

Die Eroberungsfeldzüge der Römer sorgten schließlich für die weitere Verbreitung und Durchsetzung dieser Schreibtechnologie, die mit ihren Stilvarianten zur produktivsten der gesamten Schriftgeschichte werden sollte.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Literaturempfehlung: Steinby, Eva Margareta: Lexicon topographicum urbis Romae, Edizioni Quasar, Rom, Bände 1–6, 1993–2000.
2.Museumsempfehlung: Lapidarschriften im Original: Glyptothek, Königsplatz 3, 80333 München.
3.Literaturempfehlung: Haarmann, Harald: Geschichte der Schrift, Verlag C. H. Beck, München 2002, ISBN 3406479987.
4.Literaturempfehlung: Földes-Papp, Károly: Vom Felsbild zum Alphabet: Die Geschichte der Schrift von ihren frühesten Vorstufen bis zur lateinischen Schreibschrift, Belser, Stuttgart 1984.
5.Literaturempfehlung: Foerster, Hans: Abriß der lateinischen Paläographie, Verlag Haupt, Bern 1949; Nachdruck Stuttgart 1981.