Müller, Rolf

Deutscher Kommunikationsdesigner, Redakteur und Dozent. Geboren am 15. Dezember 1940 in Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Gestorben am 18. Februar 2015 in München (Bayern). 

Der Kommunikationsdesigner Rolf Müller am 6.8.2001 in seinem Büro in der Maximilianstraße 31 in München. © Foto: Andreas Bohnenstengel, München.
Der Kommunikationsdesigner Rolf Müller am 6.8.2001 in seinem Büro in der Maximilianstraße 31 in München. © Foto: Andreas Bohnenstengel, München.

Bekannt wurde Rolf Müller in Fachkreisen Anfang der 1970er Jahre durch seine Zusammenarbeit mit dem Kommunikationsdesigner Otl Aicher (1922–1991) an dem Corporate Design der XX. Olympischen Spiele 1972 in München (München und Kiel, 26.8.–11. 9.1972) und insbesondere ab Mitte der 1980er Jahre durch die redaktionelle Betreuung, Gestaltung und Produktion des Magazins »High Quality«, kurz »HQ«, einer deutschsprachigen »Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte«, welches von 1985 bis 1997 von der Heidelberger Druckmaschinen AG 1) herausgegeben und vom High Quality Verlag gGmbH 2) in Heidelberg verlegt wurde.

Rolf Müller stellte in diesem Designmagazin erstmals einem deutschsprachigen Fachpublikum Arbeiten, Texte und Betrachtungsweisen internationaler Gestalter, Typografen, Fotografen, Illustratoren und Autoren in einer bis dahin im grafischen Gewerbe ungewohnt intelligenten und nahezu lyrischen Art und Weise vor.

Chronologie

1940 | Rolf Müller wird am 15. Dezember 1940 Dortmund als Sohn von Hans-Peter und Ilse Müller geboren. Er wächst während des II. Weltkriegs und in der Nachkriegszeit in der westfälischen Provinz in Iserlohn (um 1950 rund 46.000 Einwohner) auf, wo die Eltern ein Haus besitzen.

1950 | Das Verhältnis zu seinem nationalkonservativen Vater Hans-Peter, einem (Versicherungs-)Kaufmann (?), ist ab Mitte der 1950er Jahre sehr angespannt, was regelmäßig zu Auseinandersetzungen und Ablehnung beiderseits führt. Die Beziehung zu seiner Mutter ist hingegen sehr herzlich; sie unterstützt ihn ohne Wissen des Vaters, auch nachdem er das städtische Märkische Gymnasium Iserlohn und das Elternhaus verläßt. Gründe für den unüberbrückbaren Generationentwist waren insbesondere die diametralen politischen Ansichten und Lebensentwürfe. Sein Vater und viele seiner Lehrer sind durch den Nationalsozialismus und autoritäre Dogmen geprägt, er hingegen sympathisiert mit den Betrachtungsweisen der (später sogenannten) »68er Bewegung« (z.B. pro Bürgerrechtsbewegung und contra Vietnamkrieg) und der Sozialdemokratie (SPD).

Um 1959 spielt Rolf Müller mit dem Gedanken, sich in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) für das Studienfach Bühnenbild 3) einzuschreiben, entscheidet sich aber letztendlich für eine grafische Ausbildung an einer privaten Hochschule in Ulm (Baden-Württemberg), die ihm insbesondere politisch adäquat erscheint. 4) 5)

»Als ich nach Ulm kam, war Max Bill weg. Ich kam aus der westfälischen Provinz, 20 Jahre alt, den Kopf voll mit dem Glaubensersatz Existentialismus, dem Wettstreit der Kunst-Ismen und den Bildern, den geistigen und den realen Bildern des Bauhauses. Ich war beseelt von dem Wunsch, mein Nein gegen die Welt der Elterngeneration (Nazi-Erbe, Adenauerisches, Kitsch und Plüsch etc.) in ein Ja zu einer besseren Welt zu verwandeln.« 6)

Rolf Müller, 1994

1960 | Rolf Müller bewirbt sich für das Studienjahr 1960/61 7) an der privaten »hochschule für gestaltung ulm« (Abk. »hfg ulm«) am Oberen Kuhberg in Ulm, die von Inge Aicher-Scholl (1917–1998), 8) Otl Aicher (1922–1991) und Max Bill (1908–1994) 9) 1953 gegründet wurde. Er beginnt mit dem »Probequartal« 10) in der Abteilung »Visuelle Kommunikation«.

Weil ihm die Ausbildung an der hfg ulm »zu einseitig« erscheint, bricht er 1963 sein Studium 11) ohne Abschluss ab 12) und absolviert ein einjähriges Praktikum bei dem bekannten Schweizer Grafiker und GroteskTypografen Josef Müller-Brockmann (1914–1996) in Zürich (Schweiz), 13) den er 1963 als Dozent an der hfg ulm kennen und schätzen lernt.

Nach seinem Praktikum in Zürich kehrt Rolf Müller 1964 nach Ulm zurück und macht sich als »Visueller Gestalter« selbständig. 14) Müller arbeitet an visuellen Erscheinungsbildern und Akzidenzen, z.B. 1964 am Signet der Wilkhahn Sitzmöbel (Wilkening+Hahne GmbH+Co.KG) und 1965 an einem Plakat für die »(op)art galerie« in Esslingen. Er lernt seine erste Frau kennen, die er in Ulm heiratet.

Rolf Müller wird in Ulm (?) Mitglied des Deutschen Werkbundes, einer Organisation von Gestaltern, kulturell-gesellschaftlich engagierten Personen, Selbständigen und Unternehmen, mit der Zielsetzung, das private und öffentliche Lebensumfeld qualitativ hochwertig zu gestalten.

1967 unterbreitet ihm sein ehemaliger Lehrer Otl Aicher – Aicher zählt zu diesem Zeitpunkt bereits zu den renommierten westdeutschen Kommunikationsdesignern – ein lukratives Angebot: Eine Assistenzstelle in seinem neuen Büro im bayerischen Garching (rund 18 Kilometer nördlich von München), wo ein Team junger Gestalter*innen unter der Ägide Aichers das visuelle Erscheinungsbild der XX. Olympischen Spiele entwickeln wird. Rolf Müller erkennt diese einzigartige Gelegenheit und folgt Aicher nach Bayern. 

Ab 1968 arbeitet Rolf Müller im Garchinger Büro von Otl Aicher (einer Fabrikhalle im Stadtteil Hochbrück) als »Stellvertretender Gestaltungsbeauftragter für die Spiele der XX. Olympiade«, teilweise als »Beamter auf Zeit« (BaZ) 15) am Corporate Design der XX. Olympischen Spiele. 16)

Rolf Müller lernt 1968 seine zukünftige Frau Maritta von Helldorf (1938–2006) bei einem Planungstreffen in Warschau (Polen) kennen, die als Olympia Hostess in der Abteilung »Protokoll für VIP-Gäste« arbeitet. 

Piktogramm und Plakat von Otl Aicher und seinem Team für die Olympischen Spiele München und Kiel 1972. Rolf Müller fungierte hierbei als »Stellvertretender Gestaltungsbeauftragter für die Spiele der XX. Olympiade«.
Piktogramm und Plakat von Otl Aicher und seinem Team für die Olympischen Spiele München und Kiel 1972. Rolf Müller fungierte hierbei als »Stellvertretender Gestaltungsbeauftragter für die Spiele der XX. Olympiade«.

1970 | Rolf Müller heiratet Maritta von Helldorf in München. Neben seinem Engagement bei Aicher beginnt Rolf Müller auch als Freiberufler für eigene Auftraggeber zu arbeiten. Beispielsweise entwirft er 1968 ein Veranstaltungsplakat für die Münchner Philharmoniker (Jubiläumskonzert 75 Jahre Münchner Philharmoniker), 1970 ein Plakat für die Münchner Volkshochschule (Einschreibungsplakat Herbst 1970, Signet 1973), 1971 im Auftrag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) einen Flyer für den Wahlkampf von Bundeskanzler Willy Brandt (1913–1992) und ein Plakat für die Kieler Woche (4.–11.6.1972) der Landeshauptstadt Kiel (Schleswig-Holstein). 

1972 offizielle Gründung eines eigenen Grafikstudios in München. Nach Abzug der olympischen Sportler*innen mietet sich Müller im Oktober 1972 im Olympischen Dorf im Olympiapark München ein. Seine Frau Maritta übernimmt das Sekretariat und die Buchhaltung. Vermutlich im gleichen Jahr wird Rolf Müller Mitglied der Typographischen Gesellschaft München (TGM), einer der ältesten Interessengemeinschaften zur Förderung der Typografie

Die Reputation der XX. Olympischen Spiele öffnet Rolf Müller bundesweit Tür und Tor. So zählen beispielsweise ab den 70er Jahren das Stadthaus in Bonn (Sitz der städtischen Verwaltung der Bundesstadt Bonn), die Hochschule der Bundeswehr München oder die Stadt Leverkusen (1971) zu seinen ersten Auftraggebern.

Entwurf der Signete der DeRAG Deutsche Realbesitz AG (1972), der Solnhofer Plattenwerk Viktor Henle GmbH (1973) und der Universität Regensburg (1973).

Nachdem das Grafikbüro prosperiert, zieht er 1976 in ein neues Büro in der Maximilianstraße 31 (Ecke Karl-Scharnagl-Ring) im Zentrum von München, 17) wo er bis 2003 unter der Firmierung »Büro Rolf Müller für visuelle Kommunikation« mit rund einem halben Dutzend freien und festen Mitarbeiter*innen 18) arbeiten wird, unter ihnen auch zahlreiche Praktikanten*innen. 19)

Auf Empfehlung von Josef Müller-Brockmann wird Rolf Müller 1976 Mitglied der Alliance Graphique Internationale (AGI) mit Sitz in Baden in der Schweiz, einem internationalen Netzwerk von Kommunikations- bzw. Grafikdesigner*innen, das 1952 Zürich gegründet wurde. 20) Von 1991 bis 1993 fungiert Rolf Müller als Präsident der AGI. Im gleichen Jahr Entwurf der Signete für den Bundesverband der Deutschen Luft und Raumfahrtindustrie e.V. und die Bopp und Reuther Messtechnik GmbH.

Am 14. Januar 1977 wird seine Tochter Anna Lena in München geboren. 

1979 entwirft sein Büro das Signet der Typographischen Gesellschaft München (TGM), der Frankonia Rückversicherungs AG, der Dierig Holding AG und der Industrie- und Handelskammer (IHK). 

1980 | Das Büro Müller entwirft in den 1980er Jahren u.a. die Signete für die Münchener Museen (1982), die Wirtschaftsvereinigung Deutsche Fainmechanik und Optik e.V. (1982), Nomina (1982), Hessen Drei (1983), die Drägerwerk AG (1983), die Grohe AG (1984) und den BBF – Bund Freischaffender Fotodesigner (1986). 

Anfang der 80er Jahre lernt Rolf Müller seine neue Lebenspartnerin, die Modedesignerin Renée Hepp kennen, worauf sich Maritta von Helldorf von ihm trennt und 1982 aus dem Grafikbüro ausscheidet.

1985 erhält Rolf Müller von der Heidelberger Druckmaschinen AG den Auftrag zu einer »Recherche«, um eventuell eine PR- oder Werbemaßnahme (z.B. eine Imagekampagne) für das Unternehmen zu entwickeln. Er kreiert darauf hin – zur Überraschung des Vorstands Dr. Wolfgang Zimmermann – das Magazin »High Quality«, kurz »HQ«, eine deutschsprachige »Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte«. Er selbst übernimmt meist die Leitung der Chefredaktion und Art Direction. Bis Mai 1997 entstehen im Turnus von drei Monaten insgesamt 39 themenbezogene Hefte, die bis heute in Inhalt, Form und Produktion Qualitätsmaßstäbe setzen.

High Quality (HQ) war eine »Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte«, die von 1985 bis 1997 von der Heidelberger Druckmaschinen AG herausgegeben und von Rolf Müller inhaltlich und formal betreut wurde. Die durchschnittlichen Auflage betrug lt. Impressum 15.000 Stück. HQ wurde drei Mal per annum vertrieben und jede Ausgabe (ab Heft 3) folgte einem Thema, beispielsweise Heft 24 dem Thema »weiß« oder Heft 26 dem Thema »Fleisch«. Abbildung des Titels (U1) Heft 1.1985.
High Quality (HQ) war eine »Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte«, die von 1985 bis 1997 von der Heidelberger Druckmaschinen AG herausgegeben und von Rolf Müller inhaltlich und formal betreut wurde. Die durchschnittlichen Auflage betrug lt. Impressum 15.000 Stück. HQ wurde drei Mal per annum vertrieben und jede Ausgabe (ab Heft 3) folgte einem Thema, beispielsweise Heft 24 dem Thema »weiß« oder Heft 26 dem Thema »Fleisch«. Abbildung des Titels (U1) Heft 1.1985.

1989 wird das Designmagazin »HQ« mit der Goldmedaille des Art Directors Club of New York City für ausgezeichnet, einem der weltweit renommiertesten Preise für Kreativschaffende im Bereich der Werbung. 21)

1990 | Neben dem Periodikum für die Heidelberger Druckmaschinen AG sowie diverse Einzelarbeiten, beispielsweise Broschüren für die Allianz AG oder Plakate für die Bayerische Staatsgemäldesammlungen, entwirft Rolf Müller mit seinen Mitarbeiter*innen zahlreiche Erscheinungsbilder (Corporate Designs), u.a. für die Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB, damals eine Daimler-Benz-Tochter) in Ottobrunn, 22) die Bavaria Film GmbH in Geiselgasteig, das Kulturzentrum Gasteig (1995) in München oder die Stadt Kufstein (1996) in Österreich. 23)

Ein Auswahl von Signeten (Logos und Wordbildmarken), die zwischen Anfang der 1970er bis Ende der 1990er Jahre von Rolf Müller und seinen Mitarbeitern*innen entworfen wurden. Die meisten Signete entstanden im Rahmen eines in sich geschlossenen Corporate Designs.
Ein Auswahl von Signeten (Logos und Wordbildmarken), die zwischen Anfang der 1970er bis Ende der 1990er Jahre von Rolf Müller und seinen Mitarbeitern*innen entworfen wurden. Die meisten Signete entstanden im Rahmen eines in sich geschlossenen Corporate Designs.

1993 wird das Büro von Rolf Müller mit dem Deutschen Preis für Kommunikationsdesign »für höchste Designqualität« (infolge reddot) vom Design-Zentrum Nordrhein-Westfalen in Essen 24) ausgezeichnet. 1995 und 1998 erhält sein Büro von der Stiftung Buchkunst in Frankfurt die Auszeichnung »Die Schönsten Deutschen Bücher« 25) und 2010 wird das Plakat »Glückskinder« vom Verein »100 Beste Plakate e.V.« ausgezeichnet. 26) 

1996 erleidet Rolf Müller einen Schlaganfall. 

In den 1990er Jahren entwirft sein Büro die Signete für die LMU Ludwig-Maximilian-Universität München (1992), die Universität Salzburg, die Gasteig Betriebsgesellschaft (1995) und der ADS – Allgemeine Deutsche Steuerberatungsgesellschaft (1999).

2000 | Zum Jahrtausendwechsel machen Rolf Müller nicht nur gesundheitliche Probleme zu schaffen, sondern auch der digitale Paradigmenwechsel und seine Folgen, der im Laufe der folgenden Jahre die gesamte Medienlandschaft und das grafische Gewerbe unwiderruflich und nachhaltig verändern wird. 27) 

Für das Semester 2000/2001 nimmt Rolf Müller einen Lehrauftrag im »Bachelorstudiengang Gestaltung« der Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn (Vorarlberg in Österreich) an. 

2002 wird Rolf Müller am Herz operiert und löst infolgedessen sein Büro in der Maximilianstraße 31 – buchstäblich schweren Herzens – nach 26 Jahren auf und quartiert es 2003 in seinem Haus in Milbertshofen (Nordschwabing) ein.

Trotz Herzerkrankung nimmt Rolf Müller 2003 einen Lehrauftrag des privaten Trägervereins »Freie Kunstschule Ravensburg e.V.« an der Schule für Gestaltung in Ravensburg (Baden-Württemberg) an, wo er bis 2014 – mit durch Konvaleszenz bedingten Unterbrechungen – unterrichten wird. 28)

2005 gestaltet er das Signet der Enzimpro AG.

2008 wird das Gesamtwerk von Rolf Müller mit dem »Designpreis der Landeshauptstadt München« gewürdigt, ein mit 10.000 Euro dotierter Preis, der alle drei Jahre für das herausragende Gesamtwerk von Münchner Designerinnen und Designern bzw. Gestalterteams vom Münchener Stadtrat seit 1993 verliehen wird. 29) Die Laudatio hält sein Freund und Kollege Peter von Kornatzki (*1942), den er seit den Ulmer Tagen kennt.

Vom 14.2. bis 8.3.2009 (Vernissage am 12.02.2009) organisiert die Typographische Gesellschaft München (TGM) unter ihrem Vorstand Boris Kochan (*1962) die Retrospektive »Rolf Müller – Zeichensetzer, Systemdenker, Geschichtenerzähler«, die bei der Werbeagentur Kochan & Partner GmbH in Neuhausen-Nymphenburg in München gezeigt wird. Laudator ist neben dem Hausherrn Boris Kochan der ehemalige TGM-Vorsitzende Philipp Luidl (Typograf, 1930–2015).

2010 | Nach einem Schlaganfall verstirbt seine langjährige Lebensgefährtin Dr. Dorothee Müller (1943–2012).

Am 18. Februar 2015 stirbt Rolf Müller im Alter von 75 Jahren in seinem Haus in München. 

Rolf Müller als Kommunikationsdesigner

Von Mitte der 1970er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre zählte Rolf Müller zu den bekannten westdeutschen Kommunikationsdesignern; in München war zu dieser Zeit das Büro Rolf Müller neben dem Graphic Design Studio Mendell & Oberer in der Widenmayerstraße 12 (Lehel) das prominenteste Grafikbüro.

Er selbst bezeichnete sich gerne – in der Tradition der hfg ulm – als »Visueller Gestalter« und sein Grafikstudio als »Büro für visuelle Kommunikation« oder kurz »Büro (Rolf) Müller«. 

»Wenn ich keine Lust habe, mit jemanden zu reden, dann sage ich einfach, ich bin Grafiker. Da kann sich jeder etwas darunter vorstellen und die Sache ist erledigt. Wenn ich nur ein paar Worte von mir geben möchte, sage ich, ich bin Kommunikationdesigner. Das ist etwas erklärungsbedürftig. Und wenn ich unbedingt mit jemanden ins Gespräch kommen will, dann stelle ich mich mit ›ich bin visueller Gestalter‹ vor.« 30)

Rolf Müller, 2000

Sein Büro konzipierte und realisierte visuelle Erscheinungsbilder für Wirtschaftsunternehmen, Organisationen und öffentliche Institutionen, entwickelte Informations- und Orientierungssysteme, gestaltete Publikationen und Plakate. 

Seine stärkste gestalterische Fähigkeit lag wohl darin, visuelle Informationen klar zu strukturieren. Seine größte gestalterische Leistung dürfte jedoch das Magazin »High Quality« gewesen sein, dass er von 1985 bis 1997 auf höchstem Niveau inhaltlich und formal betreute. 

Sowohl sein beruflicher Werdegang als auch sein gestalterischer Stil wurden stark von Otl Aicher und der hfg ulm geprägt.

»Der Ulmer Disput hat mich nicht entlassen. Es diskutiert in mir weiter: Bin ich Autor oder Übersetzer? Bin ich Teil des Ganzen oder Robinson Crusoe? Auch wenn sich die Bedingungen des Gestaltens geändert haben, der Konflikt bleibt: Die Positionierung zwischen Künstleratelier und Labor für visuelle Kommunikation.« 31)

Rolf Müller, 1994.

Die 12-jährige Kuration des HQ-Magazins ermöglichte es ihm, sich ein riesiges berufliches Netzwerk aufzubauen. So war er mit vielen führenden Fotografen*innen, Textern*innen, Illustratoren*innen und Grafikdesignern*innen weit über die nationalen Grenzen hinweg bekannt oder gar befreundet, unter ihnen Anton Stankowski (1906–1998), Kurt-Weidemann (1922–2011), Pierre Mendell (1929–2008) oder Günter Gerhard Lange (1921–2008). Er ermöglichte vielen jüngeren Kollegen*innen den Einstieg in eine professionelle Arbeitswelt, ohne sie – wie es heute leider oft üblich ist – finanziell auszubeuten oder ihnen auf Punkt und Komma vorzuschreiben, wie das Ergebnis auszusehen hat. 

Rolf Müller verstand sich selbst – auch nach dem digitalen Paradigmenwechsel – als »Handwerker der alten Schule«. Für ihn war »Neugierde die Voraussetzung für Kreativität« 32) und Qualität niemals eine Verhandlungssache.

Rolf Müller als Typograf

In der ersten Hälfte seines Berufslebens orientierte sich Rolf Müller mehr oder weniger am Dogma des Bauhauses (1919–1933) und der hfg ulm (1953–1968). Er favorisierte deshalb meist Schriften ohne Serifen (Sans Serif). So war beispielsweise jahrelang die »Akzidenz Grotesk« von Günter Gerhard Lange seine Lieblingsschrift. Groteskschriften waren für ihn – wie für Otl Aicher und andere HFG´ler – ein politisches Statement (Erklärung dazu siehe Otl Aicher). 

Erst bei der Produktion des HQ-Magazins verwendete Müller auch vermehrt Schriften mit Serifen (Serif), gerne die Walbaum von Justus Erich Walbaum (1768–1837) oder die Garamond von Morris Fuller Benton (1872–1948), was auch daran lag, dass die Mitarbeiter*innen und Themen der Zeitschrift vermehrt in einem internationalen Kontext standen und die Heidelberger Druckmaschinen AG nicht nur eine »Sans Serif« verkauften wollte.

Die Qualität digitaler DTP-Software, z.B. Pagemaker von Adobe®, sowie die ersten Generationen digitaler Fonts, z.B. von Adobe® oder URW® empfand er als minderwertig. Selbst als seine Schriftsetzerei »Typostudio« in der Ainmillerstraße in Schwabing bereits Feinsatz mit QuarkXpress® auf den neuen Macintosh Quadras anbot – einer damals neuen und leistungsfähigeren PC-Generation von Apple® – bestellt er dort demonstrativ Filmsatz, der aufwendig mit einem Berthold-System Serie M verarbeitet und einem Recorder CI belichtet wurde. 33) Er zog auch hier konsequent die Qualität einem niedrigeren Preis und der Schnelligkeit vor.

Rolf Müller als Mensch

Seine Freunde, Kollegen, Mitarbeiter, Auftraggeber und Familienangehörige dürften sich sicherlich in einem einig sein: Wenn es um gestalterische Qualität ging, war Rolf Müller streng und kompromisslos. Abstriche duldete er diesbezüglich nicht. Manch einer empfand dann seine kritische, direkte und klare Art, die Dinge beim Namen zu nennen, nicht immer als angenehm. Allerdings konnte er auch sehr aufmerksam und charmant sein, meist jedoch nur, wenn er von einer Leistung, einem Ergebnis oder einer Person überzeugt war. 

Zeitlebens empfand er den Drang, Dinge zu hinterfragen. Manche empfanden das als einen erfrischenden intellektuellen Reiz, viele waren aber sicherlich damit überfordert. Letzteres traf insbesondere auf die Mehrheit seine Kollegen*innen zu, die ihren Beruf ohne große Höhen und Tiefen im vorauseilenden Gehorsam ihrer Auftraggeber ausübten. 

Obwohl Rolf Müller gewiss kein leichtfüßiger Mensch war, war er privat zweifelsohne ein Hedonist: Er trank, rauchte und aß gerne, gut und viel – was ihm schlussendlich wohl auch zum Verhängnis wurde. Er traf sich gerne mit Kollegen*innen bei einem Glas Wein im »Schumann’s«, dass zu jener Zeit »strategisch günstig« gegenüber seinem Büro in der »Maxstraße« lag, 34) kaufte fast regelmäßig jeden Samstag am Elisabethmarkt in Schwabing ein 35) oder er verbrachte gerne Zeit in Dorothee´s Ferienhaus in La Bastide-d’Engras im Languedoc (Nîmes) in Frankreich. 36)

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Die Heidelberger Druckmaschinen AG war bis zur Jahrtausendwende der weltweit führende Hersteller von Bogenoffset-Druckmaschinen. Mitte der 90iger Jahre gerät das Unternehmen in die Kriese und stellt im Zuge der Wirtschaftskonsolidierung 1997 das Magazin HQ ein. 2015 zog der Hauptsitz der Heidelberger Druckmaschinen AG nach Wiesloch bei Heidelberg (Baden-Württemberg). Nach mehreren Wirtschaftskrisen und technischen Paradigmenwechseln bietet Heidelberger heute vermehrt Dienstleistungen im Bereich der Lohnfertigung und eigene Produkte außerhalb des grafischen Gewerbes an. Informationen online unter https://www.heidelberg.com (8.10.2019).
2.Anmerkung: Die Gesellschafter des Verlags High Quality gGmbH waren Rolf Müller und sein Freund Günter Braus, welcher eine große Druckerei und die Edition Braus (seit 2010 im Berliner Aufbau-Verlag) in Heidelberg besaß. Braus war auch mit Wolfgang Zimmermann, dem CEO der Heidelberger Druckmaschinen AG, befreundet. Laut Impressum des Magazins HQ leitete eine Rosi Pluschke-Moser den Verlag. Der Geschäftssitz lag in der Zähringerstraße 2 in Heidelberg.
3.Quelle: Anna Lena von Helldorf, Tochter von Rolf Müller, in einer E-Mail vom 17.10.2019 an Wolfgang Beinert.
4.Anmerkung: Grundsätzlich sprach Rolf Müller nicht oder kaum über seine Kindheit und Jugend – auch innerhalb der Familie nicht. Es ist deshalb von 1940–1976 wenig über sein Leben bekannt. Quelle: Anna Lena von Helldorf, Tochter von Rolf Müller, am 10.10.2019 in einem Telefonat mit Wolfgang Beinert.
5.Anmerkung: Unter Kollegen war Rolf Müller bzgl. seinem Privatleben absolut verschwiegen. So bemerkte der Kommunikationsdesigner Prof. Peter von Kornatzki (*1942) am 9.10.2019 in einem Telefonat mit Wolfgang Beinert: »Wir kannten uns bereits seit Ulm. Wir waren nicht nur Kollegen, sondern Freunde. Aber privat weiß ich ehrlich gesagt nichts von ihm. Er sprach nie über private Dinge«.
6, 31.Quelle: HQ, High Quality, Zeitschrift über das Gestalten, das Drucken und das Gedruckte, Ausgabe 2.1994.
7, 12, 14.Quelle: Prof. Dr. René Spitz, Professor für Designwissenschaft, Designmanagement und Kommunikationsmanagement, Köln, in einem Telefonat mit Wolfgang Beinert am 9.10.2019.
8.Anmerkung: Inge Scholl war die Schwester von Sophie und Hans Scholl, die Mitglieder der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« waren und deshalb 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet wurden. 1950 heiratete sie Aicher, einen Schulfreund ihres Bruders Werner.
9.Anmerkung: Max Bill war ein Schweizer Architekt, Designer, Grafiker und Künstler, der u.a. im Bauhaus Dessau studierte. Er war der eigentliche Ideengeber und anfängliche Spiritus Rector für die Gründung einer Hochschule für Gestaltung nach dem Vorbild des Bauhauses. Durch ihn kamen auch die Kontakte zu Walter Gropius und anderen prominenten Persönlichkeiten zustande.
10.Anmerkung: Abitur war – wie an staatlichen Hochschulen üblich – keine Voraussetzung für die Bewerbung an der hfg ulm. »Die Bewerber mussten einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Darin wurde kein Faktenwissen abgefragt, sondern es wurde versucht, die Persönlichkeit der Bewerber auszuloten. Wer zugelassen wurde, durfte zuerst nur ein Probequartal absolvieren«. Quelle: Spitz, Rene: HfG Ulm. Kurze Geschichte der Hochschule für Gestaltung. Anmerkungen zum Verhältnis von Design und Politik (1953–1968), online verfügbar unter https://renespitz.de/2013/12/15/publikation-356/(9.10.2019).
11.Quelle: »Geometrie der Farben« von Angelika Schröger in DIE WELT vom 28.8.2001.
13.Anmerkung: Josef Müller-Brockmann zählte damals zu den bekannten Schweizer Grafikern. Er war Mitglied des International Centers for the Typographic Arts (ICTA), Lehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich, er war mit Max Bill und Richard P. Lohse (1902–1988) befreundet und arbeitet u.a. für Rosenthal, IBM, Olivetti und die SBB. Als Typograf verwendete er ausschließlich serifenlose Schriften (Grotesk).
15.Anmerkung: Die Kreativwirtschaft protestierte massiv gegen die freihändige Vergabe der Olympischen Spiele 1972. Um die Proteste elegant zu umgehen, gründete Willi Daume im Organisationskomitee die »Abteilung 11 für Visuelle Gestaltung«. Er und OB Jochen Vogel machten Otl Aicher und seine Entourage kurzerhand zu Beamten auf Zeit. Damit zogen die Gestalter auch mit ins Quartier der Organisatoren. Aus ursprünglich fünf Mitarbeitern*innen wurden im Lauf der Zeit mehr als 20. Quelle: Rolf Müller im Ateliergespräch »Neugierde ist die Voraussetzung für Kreativität« am 27.9.2001 im Atelier von Wolfgang Beinert in München. Weiterführende Informationen unter https://www.beinert.net/rolf-mueller-neugierde-ist-die-voraussetzung-fuer-kreativitaet/ (9.10.2018).
16.Anmerkung: Neben Rolf Müller arbeiteten in Garching anfangs noch Gerhard Joksch, Alfred Kern, Thomas Nitter, Walter Schwaiger und Elena Winschermann. Von 1968 bis 1972 firmiert Aichers Büro aufgrund von »politischen Rahmenbedingung« dann als »Abteilung 11 des Olympischen Komitees (1968-1972). Offiziell arbeiten dort von 1968 bis 1972 neben Rolf Müller auch Gerhard Joksch, Alfred Kern, Ian Mc Laren, Nick Roericht, Vera Simmert, Eberhard Stauß und Elena Winschermann am Corporate Design der Olympischen Spiele.
17.Quelle: E-Mail vom 5.11.2019 von Rudolf Pscherer an Wolfgang Beinert. Pscherer war von 1975 bis 1997 als Technischer Angestellter im Büro Rolf Müller beschäftigt.
18.Anmerkung: Zu den ersten Mitarbeiterinnen zählte seine zweite Frau Maritta von Helldorf (1938–2006) sowie Paul (1940–2009) und Brigitte Simon (*1947, geborene Hämmerle). Im Laufe der Jahre zählte u.a. zur Kernmannschaft des Büro Müllers: Willi Beck (*1951), Steven Bailey (*1966), Klara Bretting (*1949), John R. Clark (*1950), Jürgen Hoffmann (*1942), Roman Lorenz (*1969), Barbara Miedaner (1957), Klaus Meyer (*1946), Justus Oehler (*1961), Egon Quitta (*1949), Rudolf Pscherer (*1951), Simone Ramge (*1956), Christina Schels (*1968) und Veronika Wittermann (1947–1981). Quelle: E-Mail von Susanne Topitsch an Wolfgang Beinert mit einem Plakat (als PDF) zum Mitarbeitertreffen am 12.9.2009 in München.
19.Anmerkung: Die Praktika im Büro Müller waren bei Jungdesigner*innen aus dem In- und Ausland heiß begehrt. Ein Praktika versprach nicht nur eine Aufwertung der beruflichen Vita, sondern es wurde auch fürstlich entlohnt. Beispielsweise wurde ein Diplomant in einem Praktikum bereits in den 90er Jahren mit monatlich 800 DM vergütet, ein Betrag, wovon heutige Praktikanten*innen sicherlich nur träumen können.
20.Quelle: Website der Alliance Graphique Internationale (AGI) online unter www.a-g-i.org (16.10.1019).
21, 24.Quelle: vier+4 Seiten, Mitteilungen der Typographischen Gesellschaft München e.V., Ausgabe 39, März 2009
22.Anmerkung: Die MBB gehörte ab 1989 zur Daimler-Benz AG, für die der Stuttgarter Grafikdesigner Kurt Weidemann (1922–2011) das Corporate Design (CD) nebst einer eigenen Schriftsippe (Corporate A-S-E) entwickelt hatte. Das CD der MBB wurde von Rolf Müller an das Daimler-Benz-CD angepasst. Nebenbei: Rolf Müller und Kurt Weidemann waren nicht nur Kollegen, sondern auch viele Jahre miteinander befreundet.
23.Literaturempfehlung: Müller, Rolf: Rolf Müller, Lars Müller Publishers (2014), ISBN 978-3-03778-414-3.
25.Quelle: Wikipedia ohne gesicherten Nachweis online unter https://de.wikipedia.org/wiki/Rolf_Müller_(Designer) (15.10.2019) und im Allgemeinen vier+4 Seiten, Mitteilungen der Typographischen Gesellschaft München e.V., Ausgabe 39, März 2009.
26.Quelle: »Andreas Bohnenstengel Glückskinder«, Eintrag in Wikimedia Commons, ohne gesicherten Nachweis online unter https://commons.wikimedia.org/wiki/Andreas_Bohnenstengel_Glückskinder (17.10.2019).
27.Anmerkung: Um den Jahrtausendwechsel gab es den größten Paradigmenwechsel seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg. Nahezu alle Schriftsetzereien verschwinden, klein- und mittelständische Druckereien werden liquidiert oder an Großdruckereien verkauft, Unternehmen kürzen massiv ihre Werbeetats und verschieben ihre Investments weg von den Druckerzeugnissen hin zu den digitalen Medien, unzählige Werbeagenturen melden Konkurs an, strukturieren Ihre Dienstleistungspalette um und bauen massiv Arbeitsplätze ab. Die gesamte Medienlandschaft wird innerhalb von nur wenigen Jahren komplett umgekrempelt. Die nachfolgende Weltfinanzkrise 2008 wirkte dagegen harmlos.
28.Quelle: Roland Wagner, Leiter der Schule für Gestaltung in Ravensburg von 1997 bis 2017, in einer E-Mail vom 8.11.2019 an Wolfgang Beinert.
29.Quelle: Landeshauptstadt München, Kulturreferat, Abteilung 1, Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film, Literatur, Musik, Stadtgeschichte, Wissenschaft, Burgstraße 4, 80331 München.
30.Quelle: Wolfgang Beinert, Berlin. Rolf Müller erzählte Beinert diese Anekdote 2000 in München.
32.Quelle: Zitate von Rolf Müller im Ateliergespräch bei Wolfgang Beinert am 27. Januar 2001 in München.
33, 34.Quelle: Wolfgang Beinert, München, 1999.
35, 36.Quelle: Anna Lena von Helldorf, Tochter von Rolf Müller, in einer E-Mail vom 17.10.2019 an Wolfgang Beinert.