Aicher, Otl

Deutscher Kommunikationsdesigner, Typograf, Lehrer und Publizist. Geboren am 13. Mai 1922 in Ulm (Baden-Württemberg). Gestorben am 1. September 1991 in Günzburg (Bayern). Geburtsname »Otto Aicher«.

Der »visuelle Gestalter« Otl Aicher in seinen späten Jahren. Er beeinflusste mit seinen prägnanten visuellen Erscheinungsbildern – u.a. für ERCO, Lufthansa und die Olympischen Spiele – bis heute viele Kommunikations- und Grafikdesigner*innen. Sein »ulmer modell« war ab den 1970er Jahren an vielen neu konstituierten Fachhochschulen und Hochschulen im In- und Ausland Vorbild für das Curriculum neuer Designstudiengänge (z.B. Industriedesign, Produktdesign, Kommunikationsdesign). Pressefoto: ERCO GmbH, Lüdenscheid.
Der »visuelle Gestalter« Otl Aicher in seinen späten Jahren. Er beeinflusste mit seinen prägnanten visuellen Erscheinungsbildern – u.a. für ERCO, Lufthansa und die Olympischen Spiele – bis heute viele Kommunikations- und Grafikdesigner*innen. Sein »ulmer modell« war ab den 1970er Jahren an vielen neu konstituierten Fachhochschulen und Hochschulen im In- und Ausland Vorbild für das Curriculum neuer Designstudiengänge (z.B. Industriedesign, Produktdesign, Kommunikationsdesign). Pressefoto: ERCO GmbH, Lüdenscheid.

Otl Aicher zählt zu den namhaften Kommunikationsdesignern Deutschlands. Mit dem Erscheinungsbild für die Olympischen Spiele 1972 in München (und Kiel), prägnanten Corporate Designs für Wirtschaftsunternehmen, beispielsweise für die ERCO GmbH 1 ) oder die Deutsche Lufthansa AG, 2 ) und insbesondere als Mitbegründer und Rektor der privaten »hochschule für gestaltung ulm« (Abk. »hfg ulm«, 1953–1968), erlangte er weltweit hohes Renommee. 

Otl Aicher war mit der Pädagogin und Publizistin Inge Scholl (Inge Aicher-Scholl, 1917–1998), der Gründungsleiterin der »Ulmer Volkshochschule« (Abk. »vh ulm«, 1946–1978) sowie Mitbegründerin der hfg ulm verheiratet. 3 ) 4 ) Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.

Chronologie

1922–1938 | Otto Aicher wird am 13. Mai 1922 in Ulm (Baden-Württemberg) als Sohn von Anton Richard Aicher (1895–1969) und Anna Aicher geboren. Er wird nach schwäbischer Mundart kurzum »Otl« genannt.

 »Otl« wächst mit seinen beiden Geschwistern Hedwig (»Hedl«) und Georg in einem dezidiert katholischen Milieu in Ulm an der Grenze zu Bayern im Stadtteil Söflingen auf. Der Vater ist Installateurmeister (ab 1950 Innungsobermeister) und Gründer und Mitinhaber der Firma »Aicher & Schmid, Sanitäre Anlagen und Zentralheizungsbau« in Ulm. Anton Aicher gilt als praktisch veranlagt, aufrecht, religiös und ideologiefrei.

Während seiner Schulzeit engagiert sich Otl Aicher trotz kritischer Distanz zur Institution Kirche in der »Katholischen Jugendbewegung«, wo er auch den Widerstandskämpfer Pfarrer Franz Weiß (1892–1985) kennen und schätzen lernt. Des Weiteren ist er Mitglied in der »Deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929« (dj.1.11.).

1937 | Otl Aicher verweigert den Eintritt in die Hitler-Jugend (HJ), einer Jugend- und Nachwuchsorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), der 98 Prozent aller deutschen Jugendlichen angehören. Er verstößt dadurch gegen die »Jugenddienstpflicht« und wird daraufhin 1941 von Amts wegen nicht zum Abitur zugelassen.

1939 | Otl Aicher lernt als 17-Jähriger über seinen gleichaltrigen Klassenkamerad Werner Scholl (1922–1944) dessen Vater Robert Scholl (1891–1973) 5 ) und seine Frau Magdalena (1881–1958) kennen, die seit 1932 in einer Wohnung am Münsterplatz in Ulm leben. Dort lernt er im Spätsommer auch seine spätere Frau Inge sowie deren Geschwister Elisabeth (*1920), Sophie (1921–1943) und Hans (1918–1943) kennen.

1940–1944 | 1940/41 bereitet Otl Aicher sich auf das Abitur vor, an dessen Prüfung er schlussendlich jedoch nicht teilnehmen wird. 1941 wird er wie sein Freund Werner Scholl für sechs Monate zum Reichsarbeitsdienst (RAD) bzw. im Anschluss zur Wehrmacht eingezogen. Er dient dort in einer Artillerieeinheit als Funker, von 1942 bis 1943 in Russland und von 1944 bis 1945 in Frankreich. Ab Februar 1943 wird Otl Aicher aufgrund seiner Kontakte zu der Familie Scholl mehrmals von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) verhört. 

Mehrere Male versuchte er nach der Ermordung von Hans und Sophie Scholl sowie nach dem Vermissen seines Freundes Werner Scholl an der russischen Front, erfolglos dem Militärdienst zu entkommen, u.a. durch Automutilation (Selbstverletzung). 

1945 | Schlussendlich desertiert Otl Aicher im März an der Westfront und versteckt sich bis zum Ende des Krieges bei Inge Scholl, die mit ihren Eltern von Franz und Kätherle Binninger auf dem Bruderhof in Ewattingen (heute Wutach, rund 65 Kilometer von Freiburg im Breisgau entfernt) aufgenommen, versteckt und verpflegt werden. 6 ) 7 ) 

Nach Kriegsende, Mitte Mai, kehrt Otl Aicher und Inge Scholl mit ihren Eltern in das kriegszerstörte Ulm zurück. Dort organisiert er mit ihr und gleichgesinnten Freunden monatliche Vorträge und Gesprächsrunden zu gesellschaftspolitischen Themen, beispielsweise zum Wiederaufbau Deutschlands. Die Veranstaltungen finden meist in der evangelischen Martin-Luther-Kirche in der Ulmer Weststadt (Zinglerstraße 66) statt. Otl Aicher gestaltet die Veranstaltungsplakate selbst. 

1946–1947 | Otl Aicher lehnt das Angebot der Stadtverwaltung Ulm (Inges Vater ist von 1945 bis 1948 Oberbürgermeister der Stadt Ulm) und des »Western Military District« der US-Streitkräfte (Militärverwaltung) ab, die Leitung der zu gründenden vh ulm zu übernehmen. Er schlägt stattdessen seine Freundin Inge Scholl vor, die diese Aufgabe ab 24. April 1946 bis 1974 übernimmt. 

Otl Aicher immatrikuliert sich bei dem Bildhauer und Maler Prof. Anton Hiller (1893–1985) an der Akademie der Bildenden Künste München (Bayern). 1947 bricht er das Studium der Bildhauerei an der Akademiestraße ab, da er sich mehr von der Gebrauchsgrafik und ihren kommunikativen Möglichkeiten angesprochen fühlt.

1948 | Aicher gründet als unerfahrener Quereinsteiger in Ulm ein Büro für Gebrauchsgrafik. Der Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung von Plakaten und Informationsbroschüren für die vh ulm.

1952 | Am 7. Juni Heirat mit Inge Scholl in der Klosterkirche St. Anna im Lehel in München, wobei Inge zuvor vom protestantischen Glauben zur katholischen Kirche konvertiert. Die Ehe schließt der bekannte katholischen Priester, Jugendseelsorger, Religionsphilosoph und Kulturkritiker Romano Guardini (1885–1968), den Otl Aicher als ersten Referenten für einen Vortrag am 18. August 1945 an der vh ulm in der Martin-Luther-Kirche gewinnen konnte.

1953 | Am 17. Juni kommt Tochter Eva zur Welt. Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und der Schweizer Gestalter Max Bill (1908–1994) gründen die hochschule für gestaltung ulm. Am 3. August Unterrichtsbeginn der hfg ulm mit 21 Studenten in den provisorischen Räumen der vh ulm.

→ Details und Chronologie der hfg ulm siehe hochschule für gestaltung ulm.

1953 | Otl Aicher betreut von 1953 bis 1968 an der hfg ulm die Abteilung »visuelle kommunikation« (bis 1957 »visuelle gestaltung«), wo er Grafik, Fotografie, Typografie 8 ) und technische Kommunikation lehrt.

1954 | Geburt der Zwillinge Florian Bruno und Pia am 3. Oktober.

1956 | Nach dem Rücktritt von Max Bill wird Otl Aicher von 1956 bis 1958 Mitglied des Rektoratskollegiums der hfg ulm.

1957 | Mit anderen Dozenten initiiert Aicher an der hfg ulm sogenannte »Entwicklungsgruppen«, die als eigenständige, studentische Designbüros innerhalb der Hochschule fungieren und erste Kontakte zu Wirtschaftsunternehmen knüpfen, beispielsweise zu der Firma Braun, dessen Erscheinungsbild zwischen 1954 bis 1958 an der hfg ulm entstand. 

1958 | Aicher übernimmt die Leitung der Entwicklungsgruppe E 5 (1958-1964), die ab 1962 das Corporate Design der Deutschen Lufthansa AG erarbeitet. 9 ) 10 ) Geburt des Sohnes Julian am 20. März. 

Otl Aicher bei einer Vorlesung im August 1959. Foto: Brazilian National Archives, Rio de Janeiro, Brasilien. Fotograf*in und Aufnahmeort unbekannt.
Otl Aicher bei einer Vorlesung im August 1959. Foto: Brazilian National Archives, Rio de Janeiro, Brasilien. Fotograf*in und Aufnahmeort unbekannt.

1960 | Geburt des Sohnes Manuel am 29. Februar.

1962 | Otl Aicher ist von 1962 bis 1964 Rektor der hfg ulm.

1967 | Otl Aicher zieht sich sukzessive aus dem Lehrbetrieb zurück und wird von 1967 bis 1972 auf direkte Anweisung des Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland (NOK) Willi Daume (1913–1996) und des Münchener Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (*1926) – gegen den massiven Protest des Grafischen Gewerbes – »Gestaltungsbeauftragter« für die Olympischen Spiele 1972. 

Piktogramm und Plakat von Otl Aicher und seinem Team für die Olympischen Spiele München und Kiel 1972.
Piktogramm und Plakat von Otl Aicher und seinem Team für die Olympischen Spiele München und Kiel 1972.

Aicher verlegt daraufhin sein Büro in eine Fabrikhalle nach Garching in den Stadtteil Hochbrück, rund 18 Kilometer nördlich von München, wo er und seine Assistenten – unter ihnen auch Studenten der hfg ulm – als »Beamte auf Zeit« 11 ) am Corporate Design der Olympischen Spiele 1972 arbeiten. 12 ) 

1968 | Inge und Otl Aicher stellen den Lehrbetrieb der hfg ulm am 1. November ein.

1972 | Inge und Otl Aicher erwerben in der Ortschaft Rotis, rund 10 Kilometer nordwestlich von Leutkirch im Allgäu (Baden-Württemberg), die alte Rotismühle, eine ehemalige Getreidemühle (heute ein kleines Wasserkraftwerk). Umzug des Büros von Garching nach Rotis, im Laufe der Zeit in die neugebauten, angrenzenden Atelierhäuser, die später auch als Bürogemeinschaft fungieren. Der Name des Büros wird in »rotis büros« umbenannt. Hier entstehen – zeitweise mit bis zu einem Dutzend Mitarbeiter*innen 13 ) – Corporate Designs, Leit- und Orientierungssysteme sowie grafische Publikationen, u.a. für die Bayerische Rück (1972), Bulthaup (1979), das Bundesland Hessen (1980), ERCO (1975), den Flughafen Frankfurt (1970), den Flughafen München (1979-1985), die FSB Franz Schneider Brakel (1986) und das ZDF (1975).

1975 | Am 20. Februar verunglückt Tochter Pia tödlich.

1988 | Otl Aicher veröffentlicht eine eigene Druckschrift, die er nach seinem Wohnort »Rotis« benennt. Nachdem Günter Gerhard Lange (1921–2008), der künstlerische Direktor der Berthold GmbH in Taufkirchen bei München, kein Interesse an der Schrift zeigt, publiziert Aicher die Schriftsippe »Rotis« über die Agfa Compugraphic Corporation. 14 )

Die Rotis von Otl Aicher (1922–1991) ist eine Schriftsippe mit den Hauptschriftgruppen Grotesk (Sans Serif) und Antiqua (Serif). Sie verfügt über mehrere hybride Stilvarianten (Semi Sans und Semi Serif). Publiziert wurde sie 1988 für den optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) bei der Agfa Compugraphic Corporation. Beispiel gesetzt aus der Rotis Sans Serif normal, Rotis Semi Serif normal und Rotis Serif normal.
Die Rotis von Otl Aicher (1922–1991) ist eine Schriftsippe mit den Hauptschriftgruppen Grotesk (Sans Serif) und Antiqua (Serif). Sie verfügt über mehrere hybride Stilvarianten (Semi Sans und Semi Serif). Publiziert wurde sie 1988 für den optomechanischen Schriftsatz (Fotosatz) bei der Agfa Compugraphic Corporation. Beispiel gesetzt aus der Rotis Sans Serif normal, Rotis Semi Serif normal und Rotis Serif normal.

1991 | In Rotis fährt Aicher – dem eine gewisse Begeisterung für das Rasenmähen nachgesagt wird – ironischerweise mit dem Rasenmäher aus seinem Grundstück auf eine kaum befahrene Ortsstraße. Er wird dabei von einem Motorradfahrer erfasst. Am 1. September stirbt er im Bezirkskrankenhaus Günzburg im Alter von 69 Jahren an den Folgen schwerer Kopfverletzungen.

Otl Aicher als Kommunikationsdesigner

Otl Aicher zählt im westlich geprägten Kulturkreis sicherlich zu den einflussreichsten Kommunikationsdesignern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit seinen prägnanten visuellen Erscheinungsbildern und Piktogrammen für Unternehmen und öffentliche Körperschaften prägte er das westdeutsche Kommunikationsdesign der Nachkriegsjahre. Er gehört zu den Wegbereitern eines konsequenten, systematischen Corporate Designs in der Corporate Identity. 15 ) 16 )

Aichers ordnender Pragmatismus, beispielsweise bei den Entwürfen für FSB oder ERCO, zeichnet sich primär durch strenge, stereotype Gestaltungsraster und Layouts sowie den Einsatz von Groteskschriften (Sans Serif) bzw. ab 1988 durch Schriftschnitte der »Rotis« aus.

Diese ungewohnte, an die Traditionen des Bauhauses anknüpfende Stil (z.B. Verzicht auf jegliches Ornament), stand im krassen Gegensatz zu der altbackenen Gebrauchsgrafik seiner Zeit, die bis weit in die 1970er Jahre immer noch vom Milieu der Kunstgewerbeschulen geprägt war.

Die überwiegend konservative und mehrheitlich männlich geprägte Szene der Gebrauchs- und Werbegrafiker empfand Aichers Stil als kulturellen Affront, der regelmäßig zu Dissense führte, beispielsweise bei Fachveranstaltungen und in der Fachpresse.

Der grafische Stil Otl Aichers – und infolge der seiner Studenten*innen – widersprach allerdings auch den neuen, unorthodoxen Betrachtungsweisen amerikanischer und europäischer Artdirektoren und Grafikdesigner (siehe Grafikdesign), wie sie in Westdeutschland (BRD) beispielsweise von Pavel Michael Engelmann (1928–1966), Willy Fleckhaus (1925–1983) – später von Pierre Mendell (1929–2008), Olaf Leu (*1936) oder Uwe Lösch (*1943) verkörpert wurden.

Otl Aicher als Typograf

Otl Aicher orientierte sich zeitlebens an der begrenzten Grotesktypografie des Bauhauses (1919–1933). Er favorisierte deshalb Schriften ohne Serifen (Sans Serif), beispielsweise die »Akzidenz Grotesk« von Berthold, die »Helvetica« von Max Miedinger (1910-1980) und Eduard Hoffmann, die »Univers« von Adrian Frutiger (1928–2015) und ab 1988 seine eigene »Rotis«.

Sein konsequenter und undifferenzierter Gebrauch von Grotekschriften – meist im kleingeschrieben Flattersatz in schmalen Kolumnen – führte in Westdeutschland (BRD), beispielsweise bei Veranstaltungen der Typographischen Gesellschaft München (TGM), regelmäßig zu lebhaften Diskussionen. Einerseits zwischen Anhängern der jungen »hfg-Doktrin« und konservativen Typografen und Schriftsetzern, die teils noch von der deutschen Fraktur konditioniert waren. Und anderseits zwischen jungen Grafikdesignern, Type- und Artdirektoren, die die »Englische Typografie« favorisierten. Sie empfanden Aichers Stil als zu monoton, auswechselbar und undifferenziert. 

Aichers prominente Arbeiten, insbesondere seine Schrift »Rotis«, trugen wesentlich dazu bei, den deutschen Dauerdissens »Mit oder ohne Serifen?« zu befeuern. Otl Aicher selbst bezeichnete 1989 diese Zeitspanne als den Beginn eines »typografischen Kriegszustands (…) zwischen Grotesk- und Antiqua-Ideologen (…) der bis heute anhält«.

Die Typografie Aichers wird häufig kritisiert. Zu den Kritikpunkten zählen:

  • Serifenlose Druckschriften sind im Segment der Lesetypografie grundsätzlich langsamer lesbar
  • Groteskschriften fehlt die Möglichkeit, eine komplexe Texttypologie mittels Schriftmischung systematisch zu visualisieren
  • Groteskschriften besitzen weniger Möglichkeiten, die Ausdrucksmöglichkeiten einer Sprache zu erweitern
  • Kleinschreibung in der deutschen Sprache hemmt den Fixationsprozess
  • enge Zeilenabstände verschlechtern den Grauwert und somit die Lesemotivation
  • Viele schmale Kolumnen ersetzen keinen Buchsatzspiegel
  • Flattersatz in schmalen Kolumnen ersetzt keinen ausgeschlossenen Blocksatz

Kurzum: Aus Sicht der angewandten Typografie ist Aichers Umgang mit Schrift unzulänglich. Er machte in der Lesetypografie gravierende Fehler, die ein kenntnisreicher Typograf*in vermieden hätte. Somit liegt die Vermutung nahe, dass Otl Aicher Schrift in erster Linie mit den Augen eines politisch ambitionierten Gestalters und erst dann mit den Augen eines Typografen betrachtet hat. Ein schönes Beispiel hierfür findet man in seinem Buch »gehen in der wüste« aus dem Jahre 1986, wo Otl Aicher u.a. über die Groß- und Kleinschreibung sinniert:

»(…) schon die typographische auszeichnung der substantive zeigt, welchen stellenwert sie in unserem sprachsystem haben. sie werden groß geschrieben. das war nicht immer so. die übung kam im absolutismus auf, als es darum ging, den könig, den fürsten, die institution des staates auszuzeichnen (…) die verben verkümmerten. prozesse, verhaltensweisen, vorgänge, die dynamik der welt standen unter der beschwichtigung der sprachlichen vernachlässigung. (…) jetzt steht die welt voll von unrat und bürokratien. sachen stellt man in museen und begafft sie. institutionen blähen sich auf zur nutzlosigkeit der selbstbehauptung (…) ich schreibe substantive wieder klein, aber das reicht sicher nicht. man muss wohl wieder beginnen zu gehen. (…)« 17 )

Seine Schriftsippe »Rotis«, die er 1988 über die Agfa Compugraphic Corporation veröffentlichte, wird unter Typografen*innen primär als Designer Font verstanden, d.h., sie bietet im Sinne der traditionellen Lesetypografie als Textschrift nur wenig Mehrwert. Für typografische Insider kann die Rotis eine gewisse Mystifikation besitzen; sie wird dann als Sichtbarmachung der »aicher/hfg-doktrin« interpretiert. 18 )

Otl Aicher als Lehrender

Otl Aicher galt als leidenschaftlicher, strenger Lehrer, der sich gerne und oft mit seinen Studenten umgab. Insbesondere Wissen, kritisches Denken, ein demokratisches Grundverständnis und Herzensbildung schienen ihm (und seiner Frau Inge) wesentliches Rüstzeug für junge »Gestalter*innen« zu sein. 

Das »ulmer modell« einer Hochschule für Gestaltung galt in seinen Grundzügen ab den 1970er Jahren als Vorbild für das Curriculum neuer Designstudiengänge (z.B. Industriedesign, Produktdesign, Kommunikationsdesign) an vielen neu konstituierten Fachhochschulen und Hochschulen im In- und Ausland, insbesondere in Deutschland und in Südamerika. 

Darüber hinaus publizierte Otl Aicher regelmäßig, begab sich auf Seminar- und Vortragsreisen und war Gründer und Mitbegründer von unterschiedlichen informellen und institutionellen Vereinigungen.

Die heute geläufigen Begriffe »Visuelle Kommunikation« und »Kommunikationsdesigner« gehen u.a. auf seine theoretische Arbeit zurück.

Otl Aicher als Persönlichkeit

Otl Aicher wird von Zeitzeugen als sehr ambivalente, starke, unbequeme und deutlich polarisierende Persönlichkeit beschrieben: Als Philosoph und schwäbischer Dickschädel, Humanist und Anarchist, Vordenker und Perfektionist, Minimalist und Hedonist, Demokrat und Absolutist.

Mit zunehmenden Erfolg und Bekanntheitsgrad wurde Otl Aicher in der Öffentlichkeit oft diskreditiert. Beispielsweise wurde von Kollegen gerne kolportiert, dass er nur deshalb Erfolg habe, weil er sich gezielt als Verfolgter des NS-Regimes präsentiere und deshalb von der US–Besatzungsmacht finanziert und protegiert werde. 19 ) Derartige »Shitstorms« und Verschwörungstheorien kumulierten insbesondere bei der Finanzierung der hfg ulm sowie bei der Vergabe des Corporate Designs für die Olympischen Spiele in München. 20 ) Die Diskussionen in der Designszene und im grafischen Gewerbe waren oft von Neid und Missgunst geprägt, weniger von Sachargumenten. Andererseits gab es weltweit unzählige Designer*innen und Fakultäten, die Aichers Betrachtungsweisen adaptierten und weitergaben. 

Aichers Lebenswerk war außerordentlich. Alleine der Archivnachlass, der im Ulmer Museum/HfG-Archiv gepflegt wird, verfügt über Korrespondenzen zu rund 350 Projekten, ca. 4.000 Plakate, 27.000 Entwurfsblätter und 30.000 Dias sowie zahlreiche Ausstellungstafeln, Fotos, Negative und Schriften. 21 ) 

Otl Aichers gestalterische und humanistische Betrachtungsweisen inspirieren bis heute viele Grafik- und Kommunikationsdesigner*innen. 

Bücher von Otl Aicher

  • Aicher, Otl: analog und digital. Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften, Berlin 1991, ISBN 9783433021767.
  • Aicher, Otl: die küche zum kochen : Das Ende einer Architekturdoktrin, Callwey Verlag, München 1983, ISBN 9783766706164.
  • Aicher, Otl: die welt als entwurf, Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften, Berlin, 1991, ISBN 9783433021859.
  • Aicher, Otl: gehen in der wüste, S. Fischer, Frankfurt, 1986, ISBN 9783100004079.
  • Aicher, Otl: innenseiten des kriegs, S. Fischer, Frankfurt, 1985, ISBN 9783100004086.
  • Aicher, Otl: kritik am auto, Callwey Verlag, München, 1984, ISBN 3766707477 und ISBN 3-7667-0747-7.
  • Aicher, Otl: schreiben und widersprechen. Verlag Janus Press, 1993, ISBN 3928942034 und 3-928942-03-4.
  • Aicher, Otl: typografie, Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften, Berlin und Druckhaus Maack, Lüdenscheid, 1988. ISBN 3-433-02090-6.

Schriften von Otl Aicher

  • Rotis Sans Serif bold
  • Rotis Sans Serif extrabold
  • Rotis Sans Serif italic
  • Rotis Sans Serif Light
  • Rotis Sans Serif Light italic
  • Rotis Sans Serif
  • Rotis Semi Sans bold
  • Rotis Semi Sans extrabold
  • Rotis Semi Sans italic
  • Rotis Semi Sans Light
  • Rotis Semi Sans Light italic
  • Rotis Semi Sans
  • Rotis Semi Serif bold
  • Rotis Semi Serif
  • Rotis Serif bold
  • Rotis Serif italic
  • Rotis Serif

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Die ERCO GmbH in Lüdenscheid verwendet bis heute das visuelle Erscheinungsbild, das von Otl Aicher 1975 gestaltet wurde. Weiterführende Informationen online verfügbar unter https://www.erco.com (10.10.2018).
2.Anmerkung: Auch das visuelle Erscheinungsbild der Deutschen Lufthansa AG in Frankfurt am Main basiert immer noch auf den Entwürfen der HFG-Entwicklungsgruppe E 5.
3.Anmerkung: Inge Aicher-Scholl (1917–1998) war eine Schwester von Sophie Scholl ( 1921–1943) und Hans Scholl (1918–1943). Sophia Magdalena Scholl (1921–1943) und Hans Fritz Scholl (1918–1943) waren Mitglieder der Widerstandsgruppe »Weiße Rose«. Die Geschwister Scholl wurden mit Christoph Hermann Probst (1919–1943) am 22. Februar 1943 in München durch den 1. Senat des Volksgerichtshofs unter Vorsitz von Roland Freisler (1893–1945) wegen »landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung« aufgrund der Verteilung von Flugblättern gegen das NS-Regime zum Tode verurteilt und hingerichtet. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Sophie Scholl und die »Weiße Rose«, Das Todesurteil und die Begründung, online verfügbar unter http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/weisse-rose/61067/todesurteil (8.10.2018)
4.Literaturempfehlung: Scholl, Inge: Die weiße Rose, Fischer Taschenbuch Verlag, 2009, ISBN-13 9783596118021 und ISBN-10 3596118026.
5.Anmerkung: Otl Aicher war ab 1939 der Familie des Politikers, Wirtschaftsprüfers und Steuerberaters – und von 1945 bis 1948 Oberbürgermeister der Stadt Ulm – Robert Scholl (1891–1973) sehr zugeneigt. Die Familie Robert und Magdalena Scholl (1881–1958) mit ihren sechs Kindern wurde von Zeitzeugen als lesefreudig, geistreich, weltoffen und antifaschistisch beschrieben. Aichers Schwester Hedwig bemerkte diesbezüglich 1997 in einem Interview: »Er hat (…) die Nähe von uns, von der Familie gar nie mehr gesucht. Er war immer woanders. Er war viel bei Scholls. Da war alles gut und recht und schön.« Quelle: Hochstrasser, Fred: Freundschaft und Begegnung. Erinnerungen an Otl Aicher, Stiftung Hochschule für Gestaltung Ulm (Hrsg.), Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm, 1997, ab Seite 12, ISBN-10 3882942428 und ISBN-13 978-3882942422.
6.Quelle: Aicher-Scholl, Inge: Schutz in der »Arche« über dem Wutachtal, Aufsatz, Badische Zeitung, vermittelt durch Juliane Kühnemund, BZ-Redaktion Bonndorf. Online als PDF verfügbar unter http://media.badische-zeitung.de/pdf/kriegsende/aichner-scholl.pdf (8.10.2018).
7.Literaturempfehlung: Aicher, Otl; Innenseiten des Kriegs, Fischer Taschenbuch, 1998, ISBN-13 9783596137954 und ISBN-10 3596137950.
8.Anmerkung: Typografie wurde nicht im traditionellen Sinne, sondern – z.B. lt. Lehrplan 1966/67 – im Fach Kommunikationslehre bzw. Kommunikationstechniken und angewandte Darstellungstechniken vermittelt. Ein weiterer Dozenten in diesem Fach war u.a. Herbert W. Kapitzki (1925–2005).
9.Anmerkung: Mitglieder der Entwicklunggruppe E5 waren Alfred Kern und Fritz Quergässer.
10.Literaturempfehlung: Müller, Jens und Karen Weiland, Lufthansa und Graphic Design, Visuelle Geschichte einer Fluggesellschaft (Visual History of an Airline), Fachhochschule Düsseldorf (Hrsg.), Lars Müller Publishers, 2012, ISDN 978-3-03778-267-5.
11.Anmerkung: Die Kreativwirtschaft protestierte massiv gegen die freihändige Vergabe der Olympischen Spiele 1972. Um die Proteste elegant zu umgehen, gründete Willi Daume im Organisationskomitee die »Abteilung 11 für Visuelle Gestaltung«. Er und OB Jochen Vogel machten Otl Aicher und seine Entourage kurzerhand zu Beamten auf Zeit. Damit zogen die Gestalter auch mit ins Quartier der Organisatoren. Aus ursprünglich fünf Mitarbeitern*innen wurden im Lauf der Zeit mehr als 20. Quelle: Rolf Müller im Ateliergespräch »Neugierde ist die Voraussetzung für Kreativität« am 27.9.2001 im Atelier von Wolfgang Beinert in München. Weiterführende Informationen unter https://www.beinert.net/rolf-mueller-neugierde-ist-die-voraussetzung-fuer-kreativitaet/ (9.10.2018).
12.Anmerkung: In Aichers Büro in München arbeiteten Gerhard Joksch, Alfred Kern, Rolf Müller, Thomas Nitter, Walter Schwaiger und Elena Winschermann. Speziell für die Abteilung 11 des Olympischen Komitees (1968-1972) Gerhard Joksch, Alfred Kern, Rolf Müller, Ian Mc Laren, Nick Roericht, Vera Simmert, Eberhard Stauß und Elena Winschermann.
13.Anmerkung: In den »rotis büros« arbeiteten von 1972 bis 1991 Barbara Adam, Reinfriede Bettrich, Hansjörg Brucklacher, Andreas Fahrni, Lilo Honold, Albrecht Hotz, Rosemarie Kapp, Alfred Kern, Bärbel Klein, Bernd Kreutz, Heinz Peter Lahaye, Sepp Landsbek, Monika Maus, Hans Neudecker, Georg Nickel, Robert Probst, Monika Schnell, Frank Schwab, Sophie von Seidlein, Andreas Schwarz, Elena Winschermann, Berthold Weidner und Susanne Wochner.
14.Quelle: Günter Gerhard Lange (1921–2008) im Ateliergespräch »Was war. Was ist. Was bleibt.« am 25.9.2003 im Atelier von Wolfgang Beinert in München: »(…) sie ist einfach nicht gut lesbar (…) und ich sagte zu ihm (A.d.R.: gemeint ist Otl Aicher), sie (A.d.R.: gemeint ist die Rotis) passt einfach nicht zu uns (A.d.R.: gemeint ist die Berthold GmbH). (…)«. Weiterführende Informationen online unter https://www.beinert.net/guenter-gerhard-lange-der-herr-der-schriften-was-war-was-ist-was-bleibt/ (10.10.2018).
15.Literaturempfehlung: Moser, Eva: Otl Aicher, Gestalter, Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7757-3201-7.
16.Literaturempfehlung: Rathgeb, Markus: Otl Aicher, Phaidon Press, 2007, ISBN-10 9780714843964 und ISBN-13 978-0714843964.
17.Quelle: Aicher, Otl: gehen in der wüste, S. Fischer, Frankfurt, 1986, ISBN 9783100004079.
18.Literaturempfehlung: Burkhardt, Ralph: rotis – eine Streitschrift oder: In 17 Schnitten zum Erfolg, Verlag Hermann Schmidt, Mainz, 2006, ISBN-10 3874397173 und ISBN-13 978-3874397179.
19.Quelle: Kurt Weidemann (1922–2011) in einem Gespräch mit Wolfgang Beinert im Oktober 2006.
20.Anmerkung: NOK-Präsident Willi Daume und der Münchener Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel wollten für die Spiele in München und Kiel einen klaren Gegenentwurf zu Hitlers Propagandaspielen in Berlin. Die Welt sollte sehen, dass Deutschland sich verändert hat. Welcher Werbegrafiker war da glaubwürdiger als Otl Aicher?
21.Quelle: Ulmer Museum/HfG-Archiv, Findbuch Otl Aicher Archiv, Herausgeber Stadt Ulm, Ulmer Museum und HfG-Archiv, Redaktion Christiane Wachsmann, Am Hochsträss 8, 89081 Ulm. Weiterführende Informationen unter http://www.hfg-archiv.ulm.de (23.10.2018).