Optischer Schriftweitenausgleich

Typografischer Terminus für die Veränderung der Schriftlaufweite einer Druckschrift oder eines Screen Fonts; optische Korrektur der Schriftlaufweite einer Zeichenkombination, eines Wortes oder Textes durch eine positive (+LW) und/oder negative (-LW) Laufweitenveränderung; Laufweitenausgleich; Abk. »OSW«.

Der Optische Schriftweitenausgleich umfaßt folgende Methoden:

  • Spationieren
    Wird die Normalschriftweite (NSW) bei Proportionalschriften durch eine positive Laufweitenveränderung (+LW) erweitert, spricht man von »Spationieren«.
  • Sperren
    Wird der normale Breitenlauf physischer Drucktypen aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung), Holz (z.B. aus Birnenholz) oder Kunststoff (z.B. aus Kunstharz) mit gleich großen Trennfugen bzw. Spatien erweitert, nennt man das »Sperren«.
    Wird die Normalschriftweite bei Proportionalschriften durch Leerraumzeichen oder durch gleich große Leerraumgevierte erweitert, spricht man ebenfalls von »Sperren«.
    Wird die Normalschriftweite bei Nichtproportionalschriften (dicktengleiche Schriften, Festbreitenschriften) mit Leerraumzeichen erweitert, bezeichnet man das als »Sperren« oder »dicktengleiches Sperren«.
  • Unterschneiden 1)
    Wird eine Schriftlaufweite bei Proportionalschriften grundsätzlich durch eine negative Laufweitenveränderung (-LW) verringert, wird das »Unterschneiden« genannt.
  • Kerning
    Wird bei Proportionalschriften der ästhetische Schriftweitenausgleich kritischer Zeichenpaare automatisch aufgrund einer Kerning-Tabelle unterschnitten, spricht man vom »Relativen Kerning«, »Automatischen Kerning« oder »Autokerning«.
    Wird bei Proportionalschriften der Abstand zwischen zwei Zeichen durch eine manuelle negative Laufweitenveränderung (-LW) verringert, wird das als »Zeichenabstandskerning« bezeichnet.
    Wird bei Proportionalschriften der Abstand zwischen zwei Worten durch eine negative Laufweitenveränderung (-LW) verringert, nennt man das  »Wortabstandskerning«.
  • Ausgleichen
    Werden innerhalb einer Zeichengruppe die Abstände individuell vergrößert (+LW) und verkleinert (-LW), um damit optisch einen gleichmäßigen Weißraum zu erzielen, wird dies als »Ausgleichen« oder »Ausmitteln« bezeichnet. 
Optischer Schriftweitenausgleich (OSW). Obere Zeile: Spationierung der Normalschriftweite mit +140/1000 Geviert erweitert. Mittlere Zeile: Unterschneidung der Normalschriftweite mit -100/1000 Geviert verengt. Untere Zeile: Normalschriftweite mit +/-Geviertwerten ausgemittelt. Beispiel gesetzt mit Photoshop® von Adobe® in Courier bold von Apple (Systemschrift). Infografik: www.typolexikon.de
Optischer Schriftweitenausgleich (OSW). Obere Zeile: Spationierung der Normalschriftweite mit +140/1000 Geviert erweitert. Mittlere Zeile: Unterschneidung der Normalschriftweite mit -100/1000 Geviert verengt. Untere Zeile: Normalschriftweite mit +/-Geviertwerten ausgemittelt. Beispiel gesetzt mit Photoshop® von Adobe® in Courier bold von Apple (Systemschrift).

Motive 

Es gibt unterschiedliche Argumente, die einen Optischen Schriftweitenausgleich rechtfertigen können:

Spationieren

  • Optimierung der Schriftsatzästhetik durch positive Laufweitenveränderung (+LW), beispielsweise bei Headlines, Kolumnentiteln, Majuskeln, Kapitälchen und Mediävalziffern.
  • Positive Laufweitenkorrektur (+LW) einer zu engen Normalschriftweite, um die Lesbarkeit der Schrift zu erhöhen.
  • Positive Laufweitenveränderung (+LW) bei Textschriften in Konsultationsgrößen, um Texte in sehr kleinen Schriftgraden besser lesbar zu machen.
  • Positive Laufweitenveränderung (+LW) im Sinne der Schriftauszeichnung, beispielsweise als leise Auszeichnung.
  • Selektive positive Laufweitenveränderung (+LW) als mikrotypografische Verfahrensweise, um eine Zeile, einen Tabellensatz oder eine Zahlenkombination auszutrimmen.
  • Selektive positive Laufweitenveränderung (+LW) als Korrektur von zu kleinen Wortzwischenräumen.

Sperren 

  • Optimierung der Schriftsatzästhetik, beispielsweise von Ruftext, Kolumnentiteln, Kapitälchen oder Majuskeln.
  • Sperrsatz in der Schriftgattung der Gebrochenen Schriften.
  • Auszeichnung bei mechanischen Schreibmaschinen.
  • Dicktengleiches Tabulieren im Tabellensatz oder Programmlisting.

Unterschneiden und Kerning 

  • Optimierung der Schriftsatzästhetik durch negative Laufweitenveränderung (-LW), beispielsweise bei sehr großen Headlines, insbesondere bei sehr großen Majuskeln.
  • Optimierung der Schriftsatzästhetik durch negative Laufweitenveränderung (-LW) bei Unterschneidungspaaren, z.B. bei Av, AV, Aw, AW, LT, LV, Ly, Ta, Te, To, Ty, T., Va, Vo, V., Ya, Yo oder Y.
  • Negative Laufweitenkorrektur (-LW) einer fehlerhaften, zu weiten Normalschriftweite, um die Lesbarkeit der Schrift zu erhöhen.
  • Negative Laufweitenveränderung (-LW) bei Werksatzschriften bzw. Textschriften in Schaugrößen, Ferngrößen und Plakatgrößen, um Texte in sehr großen Schriftgraden besser lesbar zu machen.
  • Selektive negative Laufweitenveränderung (-LW) als mikrotypografische Verfahrensweise, um eine Zeile, einen Tabellensatz oder eine Zahlenkombination auszutrimmen.
  • Selektive negative Laufweitenveränderung (-LW) als Korrektur von zu großen Wortzwischenräumen.

Ausgleichen

  • Optimierung der Schriftsatzästhetik durch positive (+LW) und negative (-LW) Laufweitenveränderung, um die Weißräume innerhalb von Zeichengruppen bei Proportionalschriften ästhetisch anzupassen, z.B. bei Majuskeln, Kapitälchen, Römischen Zahlen, Mediävalziffern oder im Titelsatz.

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Anmerkung: Mit der Etablierung des optomechanischen Lichtsatzes (Fotosatz) seit Anfang der 1960er Jahre hat der Anglizismus »Kerning« sukzessive die deutschen Fachbegriffe »Zurichtung« und »Unterschneidung« in Teilen ergänzt oder ersetzt, wobei der Begriff »Kerning« im Detail unterschiedlich interpretiert werden kann.