Leerraumgevierte

In der Mikrotypografie ist ein Leerraumgeviert resp. ein Leerraumteilgeviert ein Leerraum zwischen zwei Schriftzeichen auf gleicher Schriftlinie, z.B. zwischen Buchstaben, Wörtern, Arabischen Ziffern und/oder Interpunktionszeichen, der in der relativen Maßeinheit »Geviert« (em) gemessen wird.

Ursprung

Die Bemessung eines Leerraums im Geviertsystem hat seinen Ursprung im frühen Handsatz mit Drucktypen aus Metall, z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung. Im Bleisatz wurden Leerräume für den »Ausschluss« einer Zeile als »Ausschlußstücke« (z.B. 1/12-Geviert bis 1/2-Geviert), »Geviert« (1/1-Geviert) und »Quadrate« (z.B. 2/1-Geviert bis 8/1-Geviert) bezeichnet.

Mit der sukzessiven Einführung des »Point typografique« des Pariser Typografen Pierre Simon Fournier (1712–1768) wurde das »Ausschlußmaterial« unterhalb eines 1/2-Gevierts dann in Form von »Spatien« in Typografischen Punkten bemessen. In Westeuropa zuletzt und bis zur Einführung des optomechanischen Schriftsatzes (Fotosatz) in Didot-Punkten (dpt). Vom ursprünglichen Geviertsystem blieben »offiziell« nur noch das Geviert und das Halbgeviert übrig. »Inoffiziell« jedoch wurde das traditionelle Geviertsystem weiterhin bis in die 1980Jahre in Westdeutschland, Österreich und der Schweiz gelehrt und verwendet,  1) in Ostdeutschland bis weit nach dem Ende der DDR.

Schriflinienbasierter Leerraum, beispielsweise ein Wortzwischenraum, zählt im materiellen Schriftsatz zum »Blindmaterial«, also zum nichtdruckenden, nicht schriftbildhohen Material zum Ausfüllen von Leerräumen. 

Im Fotosatz wurden Leerräume im metrischen System und in Typografischen Punkten bemessen. Eine Renaissance der Leerraumgevierte erfolgte eigentlich erst ab Mitte der 2000er Jahren durch technisch anspruchsvolle Desktop Publishing Software.

Bezugsgröße

Ein 1/1-Leerraumgeviert (ein Geviert) bezieht seine rechnerische Bezugsgröße aus dem gewählten Schriftgrad. Durch Teilung oder Addition ergeben sich daraus ganze Leerraumgevierte (Quadrate) bzw. Leerraumteilgevierte (Ausschlußstücke), die in der Typografie in einer Zähler-Bruchstrich-Nenner-Schreibweise (z.B. 1/2-Geviert) oder als Namenswort (z.B. Halbgeviert) betitelt werden. Theoretisch ist ein 1/1-Leerraumgeviert mittels »Unterschneiden« bzw. »Spationieren« stufenlos teil- bzw. addierbar.

Ein Geviert ergibt sich beispielsweise aus dem Schriftgrad eines Buchstabens, der von der Höhe auf die Breite »umgelegt« wird, wobei natürlich ausschlaggebend ist, welches Verfahren für das Messen eines Schriftgrades angewendet wird (Majuskelhöhe oder hp-Vertikalhöhe mit oder ohne Fleisch?). In der Typografie sind mit Geviert also relative Bezugspunkte innerhalb eines »quadratischen Raums« gemeint. Ein Geviert entspricht rechnerisch der Seitenlänge eines Quadrats, also »Schriftgrad a von A nach D ist gleich Geviert a von A nach B«.
Ein Geviert ergibt sich beispielsweise aus dem Schriftgrad eines Buchstabens, der von der Höhe auf die Breite »umgelegt« wird, wobei natürlich ausschlaggebend ist, welches Verfahren für das Messen eines Schriftgrades angewendet wird (Majuskelhöhe oder hp-Vertikalhöhe mit oder ohne Fleisch?). In der Typografie sind mit Geviert also relative Bezugspunkte innerhalb eines »quadratischen Raums« gemeint. Ein Geviert entspricht rechnerisch der Seitenlänge eines Quadrats, also »Schriftgrad a von A nach D ist gleich Geviert a von A nach B«.
Aus einem 1/1-Leerraumgeviert (Geviert) lassen sich unterschiedliche Leerraumteilgevierte ableiten. In diesem Beispiel ist ein 1/2-Leerraumgeviert (Halbgeviert) skizziert. Bei der Bemessung von horizonalen Strichen im Geviertsystem, z.B. dem Viertelgeviertstrich oder dem Halbgeviertstrich, wird ebenso verfahren. 
Aus einem 1/1-Leerraumgeviert (Geviert) lassen sich unterschiedliche Leerraumteilgevierte ableiten. In diesem Beispiel ist ein 1/2-Leerraumgeviert (Halbgeviert) skizziert. Bei der Bemessung von horizonalen Strichen im Geviertsystem, z.B. dem Viertelgeviertstrich oder dem Halbgeviertstrich, wird ebenso verfahren.

Allerdings konnte bis heute bei keinem Schriftsatzprogramm die »Schriftgrad-Geviert-Problematik« eliminiert werden, da Schriftgrade bei Fonts grundsätzlich im Sinne der Metrologie und der Typometrie nicht einheitlich gemessen werden können. Ein Geviert ist im Desktop Publishing also im doppelten Sinne ein relatives Maß (siehe Schriftgrad).

Leerraumgeviert vs. Leerraumzeichen 

Im Gegensatz zur alltäglichen Textverarbeitung, z.B. in der Bürokommunikation mit Microsoft Word® oder Pages von Apple®, HTML-Texten (Hyper Text Markup Language) oder mit einer Schreibmaschine, wird im mikrotypografischen Feinsatz mittels professioneller Desktop Publishing Software, z.B. InDesign® von Adobe® oder QuarkXpress® von Quark®, immer zwischen einem »Leerraumzeichen« und einem »Leerraumgeviert« resp. »Leerraumteilgeviert« unterschieden. Das Leerraumzeichen hat im geschlossenen Schriftsatz in der Normalschriftweite (NSW) immer die gleiche Breite, während ein Leerraum- bzw. Leerraumteilgeviert in Folge unterschiedlich breit sein kann.

Ein Leerraumzeichen, ein Leerraumgeviert (ausgehend vom Schriftgrad in hp-Vertikalhöhe) und die daraus abgeleitete Leerraumteilgevierte. Beispiel gesetzt in der Minion Pro Regular von Robert Slimbach (*1956) mit Adobe InDesign® (2019). Die Leerräume wurden über das Menü »Schrift« unter »Leerraum einfügen« generiert.
Ein Leerraumzeichen, ein Leerraumgeviert (ausgehend vom Schriftgrad in hp-Vertikalhöhe) und die daraus abgeleitete Leerraumteilgevierte. Beispiel gesetzt in der Minion Pro Regular von Robert Slimbach (*1956) mit Adobe InDesign® (2019). Die Leerräume wurden über das Menü »Schrift« unter »Leerraum einfügen« generiert.

Im mikrotypografischen Feinsatz gilt deshalb die Regel:

Leerraumzeichen = 1 x Leerschritttaste
Leerzeichen = Leerraumgeviert resp. Leerraumteilgeviert

Im mikrotypografischen Feinsatz werden Leerraumzeichen nur für Wortzwischenräume, beim Sperren (z.B. Sperrsatz einer Fraktur) und beim Gliedern von dicktengleichen Ziffern (Tabellenziffern) verwendet.

Sinn und Zweck von unterschiedlichen Leerräumen im Geviertsystem ist es, einen ästhetisch optimalen Zeichenabstand passend zur gewählten Schriftart, ihrer Schriftlaufweite und ihrer Optischen Größe zu erzielen, der nicht zu eng, aber auch nicht zu weit ist. Nur so kann beispielsweise eine Zahl (z.B. Telefonnummer) harmonisch gegliedert werden, was mit einem Leerraumzeichen alleine nicht möglich ist.

Das Verwenden von Leerraum(teil)gevierten optimiert somit schlussendlich die Schriftsatzästhetik und den Leseprozess. Die Entscheidung, welches Leerraumgeviert resp. Leerraumteilgeviert wo das richtige ist, trifft der Typograf*in bzw. Schriftsetzer*in. 

Anwendung von Leerraum- bzw. Leerraumteilgevierten

Leerraum- bzw. Leerraumteilgevierte werden im Werksatz als Interpunktionsleerraumzeichen (z.B. für den Abstand eines Schriftzeichens zu einem Interpunktionszeichen) und Ziffernleerraumzeichen (z.B. für das Gliedern von dicktenindividuellen Arabischen Ziffern im Tabellensatz) verwendet oder um numerische und alphanumerische Angaben von Werten, Gewichten, Maßen, Formeln und Kommunikationsadressen (siehe Gliederung von Wert-, Gewichts-, Maß-, Zeit- und Telekommunikationsangaben) zur besseren Lesbarkeit zu gliedern.

Im mikrotypografischen Feinsatz werden die Leerräume, z.B. zwischen einer Zahl und einem Prozentzeichen, nicht durch ein Leerraumzeichen (1 x Leerschritttaste), sondern mit Leeraum-Teilgevierten gesetzt. In der »normalen« Textverarbeitung, z.B. im Rahmen der Bürokommunikation, sind diese Feinheiten nicht nötig.
Im mikrotypografischen Feinsatz werden die Leerräume, z.B. zwischen einer Zahl und einem Prozentzeichen, nicht durch ein Leerraumzeichen (1 x Leerschritttaste), sondern mit Leerraum-Teilgevierten gesetzt. In der »normalen« Textverarbeitung, z.B. im Rahmen der Bürokommunikation, sind diese Feinheiten nicht nötig.

Im Desktop Publishing (DTP) sind heute folgende Leerraumteilgevierte – also Bruchteile eines 1/1-Leerraumgevierts – gebräuchlich:

1/2-Leerraumgeviert  (Halbgeviert)
1/3-Leerraumgeviert  (Drittelgeviert)
1/4-Leerraumgeviert  (Viertelgeviert)
1/6-Leerraumgeviert  (Sechstelgeviert)
1/8-Leerraumgeviert  (Achtelgeviert)
1/24-Leerraumgeviert

etc.

Des Weiteren sind auch ein Vielfaches eines Gevierts möglich:

1/1-Leerraumgeviert (Geviert)
2/1-Leerraumgeviert (Doppelgeviert)
3/1-Leerraumgeviert (Dreifachgeviert)
4/1-Leerraumgeviert (Vierfachgeviert)

etc.

Tastaturbelegung

Für das Leerraumgeviert bzw. die Leerraumteilgevierte gibt es keine feste Taste auf einer Computertastatur nach DIN 2137-T2. Sie werden in der jeweiligen Desktop Publishing Software meist über eine Menüfunktion oder einen Kurzbefehl eingelesen bzw. in einer der Voreinstellungen fixiert. Beispielsweise findet man bei Adobe InDesign® (2019) die Leerräume in Geviert bzw. in Teilgevierten im Menüpunkt »Schrift« unter »Leerraum einfügen«. 2) 

In HTML-Texten (Hyper Text Markup Language) sind Leerraumteilgevierte im Fließtext nicht möglich. 

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Quelle: Bosshard, Hans Rudolf: Technische Grundlagen zur Satzherstellung, Bildungsverband Schweizer Typografen, Bern, 1980, Seite 204, ISBN: 3855840105 und 3–85584-010–5.
2.Anmerkung: Das »Ausgleichs-Leerzeichen« in Adobe InDesign® zählt nicht zu den Leerraumgevierten, da es dynamisch Leerräume zwischen Schriftzeichen bzw. Wörtern in erzwungenen Blocksatzzeilen generiert.