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Akzidenzschrift

27. September 2025

»Akzidenzschrift« ist ein typografischer Terminus aus der Periode des materiellen Schriftsatzes für eine Handsatzschrift, in der Regel aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung oder Messing), Holz (z.B. aus Birnenholz) oder Kunststoff (z.B. aus Kunstharz), die nicht als Brotschrift (Mengensatzschrift) oder als Auszeichnungsschrift (z.B. eine kursive Variante einer Grundschrift) bestimmt war. In der digitalen Typografie werden Akzidenzschriften meist als Zierschriften, Titelsatz­schriften, Display-Schriften oder Designer Fonts bezeichnet. Das Pendant ist die »Werksatzschrift«.

Der Begriff wurde ab dem späten 18. Jahrhundert für Druckschriften bzw. Drucktypen verwendet, die ausschließlich für Geschäfts- oder Privatdrucksachen bestimmt waren, etwa Briefpapiere, Visitenkarten, Prospekte oder für aufwendig gestaltete Drucke wie Zeitungsköpfe, dekorative Haupttitel von Büchern, Werbeanzeigen oder Plakate, also für Akzidenzdrucksachen. Diese Schriften wurden in der Regel von speziell geschulten Akzidenzschriftsetzern gesetzt.

Semantisch rührt der erste Teil des Kompositums von »Akzidenzen«, etymologisch von mittellateinisch »accidentia« über mittelhochdeutsch »accidenz« zu »Akzidenz« im Sinne von »etwas Zufälliges, Nebensächliches, Nebenarbeit«. In der Typografie und im Druckwesen bezeichnete »Akzidenz« seit dem 16. Jahrhundert »Gelegenheitsarbeiten« oder »Nebendrucksachen« im Unterschied zu den Hauptwerken einer Offizin wie Bibeln, Gesangbüchern oder wissenschaftlichen Werken, z.B. Flugblätter, die sowohl religiöse als auch politische Themen behandelten. 1) Der zweite Teil des Kompositums verweist darauf, dass es sich um eine Druckschrift handelt.

Werbeanzeige der für die Buch- und Akzidenzschrift »Kleukens Antiqua« der Bauerschen Gießerei, Frankfurt am Main. Quelle: »Der Zwiebelfisch, Eine kleine Zeitschrift für Geschmack in Büchern und anderen Dingen«, Hyperion-Verlag Hans von Weber, München 1911.
Werbeanzeige der für die Buch- und Akzidenzschrift »Kleukens Antiqua« der Bauerschen Gießerei, Frankfurt am Main. Quelle: »Der Zwiebelfisch, Eine kleine Zeitschrift für Geschmack in Büchern und anderen Dingen«, Hyperion-Verlag Hans von Weber, München 1911.
Eine Akzidenzschrift (Zierschrift) aus dem Schriftmusterbuch »Schrift-Proben« der Schriftgießerei Julius Klinkhardt, Leipzig und Wien, Handausgabe, ca. 1885.
Eine Akzidenzschrift (Zierschrift) aus dem Schriftmusterbuch »Schrift-Proben« der Schriftgießerei Julius Klinkhardt, Leipzig und Wien, Handausgabe, ca. 1885.

Akzidenzschriften wurden überwiegend von Schriftgießereien (oder Schriftgußabteilungen großer Offizinen) entworfen, geschnitten, gegossen und vertrieben. Eine systematische Schriftklassifikation für Akzidenzschriften existierte nicht. Häufig wurden auch Polytypen, Vignetten oder Silhouetten-Initialen als Akzidenzschriften angeboten, ebenso Einfassungen, Asséré- und Akzidenzlinien in Schriftzugbahnen oder Schmuckmaterialien wie Alineas, die unter der Bezeichnung »Acczidenz-Zierat« vertrieben wurden. Darüber hinaus existierten Schriftfamilien, die sowohl als Werksatz– als auch als Akzidenzschrift erhältlich waren.

Akzidenzschriften wurden nach Stückzahl, als Meterware oder – wie Brotschriften – nach Gewicht verkauft. In Buch- und Zeitungsdruckereien wurden sie aufgrund ihres höheren Werts grundsätzlich getrennt von den Werksatzschriften im Akzidenzsatz aufbewahrt und von den Akzidenzschriftsetzern besonders gepflegt. 2) 3) 4)

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
Quellen / Literatur / Anmerkungen / Tipps:
1 Anmerkung: Zu den bekanntesten Flugblättern zählen u.a. Reformationsflugblätter von Martin Luther und anderen Reformatoren, Flugblätter zum Deutschen Bauernkrieg (1524–1525), die die Anliegen der Bauernbewegung unterstützten oder die Obrigkeit kritisierten. Diese Flugblätter spielten eine wichtige Rolle in der Mobilisierung und Kommunikation der Bauern, sowie satirische Flugblätter, die sich über politische und religiöse Themen lustig machten. Ein Beispiel hierfür ist ein französisches Spottblatt auf den Papst aus dem Jahr 1551.
2 Literaturempfehlung: Wolf, Hans-Jürgen: Geschichte der graphischen Verfahren, Historia Verlag, Dornstadt, ISBN 3-980-0257-4-8.
3 Museumsempfehlung: Museum für Druckkunst Leipzig, Nonnenstraße 38, 04229 Leipzig, online unter www.druckkunst-museum.de (23.9.2025).
4 Museumsempfehlung: Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg, Informationen online unter https://shmh.de/ verfügbar (16.9.2025). Das Museum der Arbeit beherbergt in der Abteilung Grafisches Gewerbe die wohl einzige noch funktionierende Holzletternwerkstatt, die so genannte »Holzlettern Manufaktur«. Dort wird auch der Nachlass (Maschinen und Schablonen) der Firma Gerdi Schriften aufbewahrt.
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