Plakatschriften

Als Plakatschriften bezeichnet man sowohl Druckschriften als auch mit Stiften, Pinseln, Kunst- oder Plakatschriftfedern geschriebene Handschriften (siehe Kalligraphie), die aus großer Entfernung in überdimensionierten Schriftgraden mehr oder weniger gut lesbar sind. 

In der Typografie versteht man unter Plakatschriften ausschließlich Druckschriften, deren Typometrie auf große Schriftgrade für Leseabstände im Fernbereich, also speziell auf Plakatgrößen (Ferngrößen) abgestimmt wurden.

Alternativ werden Plakatschriften auch als »Affichenschriften« (von frz. »affiche« für »Anschlagzettel, Plakat oder Aushang«) oder engl. »Poster Letters«, mit der Etablierung des optomechanischen Schriftsatzes (Fotosatz) als »Display-Schriften« und mit Aufkommen des DTP Desktop Publishing auch als »Poster Fonts« (Poster-Schriften) bezeichnet.

Plakatschriften im Handsatz

Für den materiellen Schriftsatz mit physischen Drucktypen wurden Plakatschriften aus Holz (z.B. aus Buchsbaum-, Ahorn- oder Birnenholz) und aus Kunststoff (z.B. aus Kunstharz) gefertigt, da überdimensioniert große Buchstaben aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) in der Herstellung zu teuer und in der Verarbeitung zu unhandlich gewesen wären. 

Die ersten Plakatschriften aus Holz wurden Anfang des 19. Jahrhunderts als Akzidenzschriften in den USA für Plakate und Headlines produziert, meist in schmalfetten Stilvarianten einer bereits existierenden Werksatzschrift. Trotz der Erfindung der Holzfräse und des Pantographen waren Plakatschriften in Ihrer Anschaffung und Aufbewahrung sehr kostenintensiv. Sie wurden deshalb im Akzidenzsatz mit den Akzidenzschriften aufbewahrt.

Plakatschriften sind Schriften, die aus großer Entfernung in überdimensionierten Schriftgraden mehr oder weniger gut lesbar sind. Für den materiellen Schriftsatz mit physischen Drucktypen wurden Plakatschriften primär aus Holz (z.B. aus Buchsbaum-, Ahorn- oder Birnenholz) gefertigt, da große Buchstaben aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) in der Herstellung zu teuer und in der Verarbeitung zu unhandlich gewesen wären. Foto: pixaby.com, Hans Braxmeier & Simon Steinberger GbR, gemeinfrei.
Plakatschriften sind Schriften, die aus großer Entfernung in überdimensionierten Schriftgraden mehr oder weniger gut lesbar sind. Für den materiellen Schriftsatz mit physischen Drucktypen wurden Plakatschriften primär aus Holz (z.B. aus Buchsbaum-, Ahorn- oder Birnenholz) gefertigt, da große Buchstaben aus Metall (z.B. aus einer Blei-Zinn-Antimon-Kupfer-Legierung) in der Herstellung zu teuer und in der Verarbeitung zu unhandlich gewesen wären. Foto: pixaby.com, Hans Braxmeier & Simon Steinberger GbR, gemeinfrei.

Drucktypen aus Holz waren in der Regel ab der Kegelgröße 4 Cicero bzw. Konkordanz (= 48 dpt Didot-Punkten) bis 200 Cicero (= 2393 dpt Didot-Punkten) erhältlich (siehe auch Mitteltabelle). 1 )

Im deutschsprachigen Raum wurden Plakatschriften von Holztypenmanufakturen, beispielsweise von der Roman Scherer A.G. in Luzern (Schweiz, 1910–1967), hergestellt oder über traditionelle Schriftgießereien, beispielsweise über die Offenbacher Schriftgießerei der Gebrüder Klingspor (infolge Stempel AG) vertrieben, 2 ) welche ihre gesamte Holzletternproduktion ab den 1960er Jahren an die Firma Gedi Schriften 3 ) in Bamberg (Bayern) delegierte. Mitte der 1970er Jahre wurde die Produktion von Plakatschriften aus Holz in Deutschland eingestellt. Jedoch sind gebrauchte Plakatschriften aus Holz auch heute noch erhältlich. 4 ) 

Plakatschriften als OTF-Fonts 

Heute werden Plakatschriften (Poster Fonts) in Form von OpenType Fonts in speziellen Displaygrößen oder als eigenständige Display Typefaces von vielen Font Foundries über das Internet vertrieben. Plakatschriften gibt es in allen Schriftgattungen, Hauptschriftgruppen und in unterschiedlichen Schriftarten sowie Schriftschnitten (siehe Schriftklassifikation).

Eine bewährte schmalfette Plakatschrift ist die »Trade Gothic bold condensed No. 20« des US-amerikanischen Buchgestalters und Schriftentwerfer Jackson Burke (1908–1975), die er zwischen 1948 und 1960 in mehreren Schriftschnitten für die Mergenthaler-Linotype Company (heute Monotype) in den USA entwarf.
Eine bewährte schmalfette Plakatschrift ist die »Trade Gothic bold condensed No. 20« des US-amerikanischen Buchgestalters und Schriftentwerfer Jackson Burke (1908–1975), die er zwischen 1948 und 1960 in mehreren Schriftschnitten für die Mergenthaler-Linotype Company (heute Monotype) in den USA entwarf.

Bei qualitativ gut ausgebauten Textschriften, z.B. der Minion Pro von Robert Slimbach (*1956), gibt es für Plakat- bzw. Ferngrößen eine spezielle »Optische Größe«, die als »Display« bezeichnet wird und die in ihrer Typometrie für diese Schriftgradzuordnung optimiert ist.

Im Vergleich die Majuskel A der »Minion Pro regular« von Robert Slimbach für Adobe®. Links im Caption-Schnitt, z.B. als Konsultationsschrift für Kleingedrucktes und rechts als Display-Schnitt, z.B. als Displayschrift für eine Headline. Die Typometrie beider Optischen Größen (Designgrößen) unterscheidet sich signifikant.
Im Vergleich die Majuskel A der »Minion Pro regular« von Robert Slimbach für Adobe®. Links im Caption-Schnitt, z.B. als Konsultationsschrift für Kleingedrucktes und rechts als Display-Schnitt, z.B. als Displayschrift für eine Headline. Die Typometrie beider Optischen Größen (Designgrößen) unterscheidet sich signifikant.

Die grundsätzliche Schriftwahl gehört in den Bereich der Makrotypografie. Die Evaluierung, ob und inwieweit eine Schrift bzw. ein Schriftschnitt einer Schriftfamilie als Plakatschrift bzw. Displaygröße geeignet ist, gehört in das Segment der Mikrotypografie. 5 )

© Wolfgang Beinert, www.typolexikon.de

Quellen / Literatur / Anmerkungen / Informationen / Tipps:   [ + ]

1.Literaturempfehlung: Handsatzwerkstatt Fliegenkopf: Plakatschriften, Musterbuch, 101 Blatt (einseitig bedruckt) mit 85 Schriften, Hardcover, Wörthstraße 42, 81667 München, weiterführende Informationen online unter http://www.fliegenkopf-muenchen.de (27.6.2018). 
2.Museumsempfehlung: Klingspor-Museum, Herrnstraße 80, 63065 Offenbach, Infos unter https://www.offenbach.de/microsite/klingspor_museum/index.php (27.6.2018).
3.Museumsempfehlung: Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg, weiterführende Informationen online unter https://www.historische-museen-hamburg.de/de/museen/museum-der-arbeit.htm (27.6.2018). Das Museum der Arbeit beherbergt in der Abteilung Grafisches Gewerbe die wohl einzige noch funktionierende Holzletternwerkstatt, die so genannte »Holzlettern Manufaktur«. Dort wird auch der Nachlass (Maschinen und Schablonen) der Firma Gerdi Schriften aufbewahrt.
4.Tipp: Gebrauchte Plakatschriften aus Holz sind in Deutschland beispielsweise über den Süddeutsches Bleisatzkontor in Neu-Ulm, online unter www.bleisatzkontor.de (27.6.2018), oder über Klaus Neukirch in Langenfeld, online unter www.bleisatzmagazin-rheinland.de (27.6.2018), erhältlich.
5.Anmerkung: Die pure Größe einer Schrift sagt nichts über die Qualität ihrer Ferngröße aus.